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Amantani - die Insel
Guillermo macht alles. Er vermietet das Zimmer oben im ersten Stock an die mit dem Boot angereisten Touristen. Er serviert ihnen das Essen , dass seine Frau Vendita unten der Kueche auf Holzfeuer aus den fangfrischen Minifischen gezaubert hat. Aber eigentlich ist Guillermo Bauer. Hinter dem Haus hat er Kartoffeln und anderes Zeugs gepflanzt.
Nach einem ersten Spaziergang ueber die traumhafte ruhige Insel Amantani treffen wir Guillermo im einzigen Laden an der kleinen Plaza des Ortes wieder. Der Laden gehoert Guillermo. Und der nebenan, in dem es das einzige oeffentliche Telefon am Ort gibt, gehoert ihm natuerlich auch. Deshalb muss er, als es klingelt, ans Telefon springen und schliesslich die aufgeschriebene Nachricht einem der Inselbewohner bringen.
“Me gusta trabajar”, sagt Guillermo spaeter. Ihm gefaellt es zu arbeiten.
Und deshalb faehrt er regelmaessig auch nach Puno aufs Festland, um dort meist nachts als Fahrer eines Motobicis - in anderen Teilen der Welt als Tuktuk bekannt - Geld zu verdienen. Denn das braucht er, um seinen grossen Traum zu verwirklichen. Er will das Internet auf die Insel bringen. Dafuer braeuchte er aber mehr Sonnenkollektoren. Denn Strom gibt es bis heute nicht auf Amantani. Fuenf Kollektoren, rechnet Guillermo vor, waeren notwendig, um die Computer zu betreiben. Bis jetzt hat er erst drei. Einen davon benutzt er derzeit, um seinen Gaesten auch nach dem schnellen Einbruch der Nacht noch Licht zu verschaffen - selbstverstaendlich montiert er eine Energiesparlampe in dem Zimmer. Denn die haengen praktisch ueberall in Peru. Bisher habe ich erst eine einzige klassische Gluehbirne im ganzen Land entdeckt.
Nur eines mag Guillermo gar nicht: Bauarbeiten. Das gehe ihm zu sehr auf die Haende, klagt er. Dabei gehen Bauarbieten auf der Insel ueberaschend schnell. Eines der fast vollstaendig aus Lehm erstellten Haeuser errichten wir hier in drei Tagen, erklaert Guillermo. Die Betonung liegt auf dem Wir. Denn bis heute gebe es die gute Tradition der Nachbarschaftshilfe auf der Insel. Wenn jemand ein Haus bauen will, dann kommen alle zusammen und helfen unentgeltlich.
Auch die rund ein Meter breiten gut gepflasterten Wege, die sich kreuz und quer ueber die Insel ziehen, wurden in Gemeinschaftsarbeit errichtet. Auf denen herrscht reger Verkehr. Autos oder aehnliches gibt es zwar nicht auf Amantani, dafuer werden Schafe oder Kuehe ueber die Wege getrieben, oder die Frauen in in ihren bunten Trachten tragen schwere Lasten in Tuechern auf ihrem Ruecken.
Auch die Touisten werden gemeinschaftlich verteilt. Sein Vater habe drei Brueder gehabt, erzaehlt Guillermo. Diese Familien bilden bis heute eine Gemeinschaft, der eins der vielen Boote gehoert, die zwischen Puno und den Inseln verkehren.
Unterwegs machen sie stets Halt auf den Islas flotantes de los Uros. Das sind aus Schilf gebaute schwimmmende Inseln, auf denen jeweils rund fuenf Familien in einfachen Huetten leben. Nach diesem Besuch faehrt die Lancha weiter und erreicht nach fast vier Stunden Amantani. Dort werden die Besucher auf die zum Clan gehoerenden Familien aufgeteilt. Hotels gibt es nicht.
Besser koennte der Tourismus kaum in das urspruengliche Leben integriert sein. Doch das Leben auf der Insel koennte sich in absehbarer Zeit radikal aendern. Es sei geplant, ein Stromkabel vom Land herueberzulegen, erzaehlt Guillermo. Vielleicht kommt es sogar schneller, als das Geld fuer die naechsten Sonnenkollektoren. Vielleicht aber auch nicht.
Guillermo hat aber noch einen anderen Traum. Viele Leute auf der Insel wuerden ihn fragen, warum er soviel arbeite. Die meisten wuerden das nicht verstehen. Sie wuerden lieber am Ufer entlang spazieren und das Leben geniessen. Das aber sei nichts fuer ihn, den Arbeitswuetigen. Zumindest jetzt noch nicht. Aber in zwei Jahren, erklaert er mit seinem nicht enden wollenden Lachen in dem runden Gesicht, da habe er genug Geld zusammen, und dann muesse er nie mehr arbeiten.
Wir haben nicht gefragt, wie alt Guillermo ist. Aber schaetzen ihn auf hoechstens 40.
Ach ja, sagt Guillermo noch, fast habe vergessen zu erzaehlen, dass er auch noch Fischer ist. Mit einer Forellenzucht im See.
Am naechsten Morgen begleitet uns seine Frau Vendita zum Hafen. Sie muss da sowieso hin, weil gerade Markt ist. Und ihr etwa zwoelfjaehriger Sohn Donald kommt auch mit. Er faehrt mit dem Schiff zur Schule nach Puno - zweimal in der Woche.
Nachtrag: Es gab noch ein heftiges Gewitter - oben am Himmel und in meinem Magen. Aber Details spare ich mir hier lieber.