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Huaraz 3000
Nun ist es klar. Dies wird eine besondere Reise. Eine andere. Anders alles zuvor. Ich weiss es seit gestern abend, seit meiner Ankunft in Huaraz. Im Hochland bei der cordilllera blanca, rund 400 Kilometer von Lima entfernt. Der Bus kommt abends an. Acht Stunden Fahrt liegen hinter mir. Die erste Haelfte immer an der Kueste entlang, durch eine unglaubliche Sandwueste, die sich rechts der Strasse zu ebenso unglaublichen Duenenbergen auftuermt. Vielleicht 100 Meter hoch. Man hofft die ganze Zeit, dass
das Konstrukt noch wenigstens diesen einen Moment lang haelt.
Dann der Abzweig nach rechts, in ein schmaler werdendes Tal, die Serpentinen hoch. Bis auf einen etwa 4.000 Meter ueber dem Meer liegenden Pass. Mir schmerzt der Kopf, es laesst etwas nach, als es langsam wieder runter geht nach Huaraz, das “nur” 3.000 Meter ueber dem Meeresspeigel liegt.
In Huaraz ist es schon dunkel. Die Strassen aber sind voller Leute. Einheimische. Keine Touristen. So wie schon im Bus hierher. Auch da war ich der einzige Auslaender. Die ersten beiden Hostals, die ich ansteuere - sind zu. Liegen im Dunkeln. Wenn sich ueberhaupt etwas erkennen laesst, dann hochgeklappte Stuehle. Weter im Zentrum lande ich schliesslich in der Hospedaje Quintana. Ein paar Minuten nach meinem Klingeln, hatte die Hausherrin verwundert aus dem ersten Stock geblickt. Danach hatte ich freie Auswahl: ich bin der einzige Gast.
Des Raetsels Loesung: temporada baja - Nebensaison. Die ganzen Toruen durch die einmalige Bergwelt hier macht man eher im Sommer. Jetzt eben nicht. Und genau deshalbwird diese Reise wohl anders werden als die bisherige. Ich bewege mich offenbar mal nicht auf einem letztlich doch ausgelatschten backpacker-mainstream. Zumindest nicht zu dieser Jahreszeit.
Das veraendert den Blick. Ich schweife am ersten Tag durch die quirlige Stadt, lasse mich in einen Vorort treiben, werde von zwei aelteren Einheimischen fuer einen Strassenbaukontrolleur gehalten, weil ich Schuh- und Hundepfotenabdruecke in einer recht frisch asphalierten Seitenstrasse fotografiere, fuehrer eine angeregte Unterhaltung, folge ihrem Ripp zu einer Treppe zum wunderbaren Asublck ueber Stadt und Berge, saugen Eindrueck ohne Ende.
Die Maenner, die sich im Fluss waschen. Die Maenner, die ihre Autos mit Flusswasser waschen. Die Frauen, die ihre Waesche am Ufer trocknen. Die Berge, die zwischen den Wolken am Horizont ab und an ihre weissen Gipfel druchblicken lassen. Die Kinder in ihren Schukuniformen. Die Schuelerprozession mit Marienstatue, mit kleinem, weiss gekleideten und Blumen streuenden Maedchen und Jungs mit Pauken und Trompeten. Der einmalige Sound der VW Kaefer auf den Strassen. Der schoene und auffaellig saueber Platz vor der Kathedrale, die 40 Jahre nach dem grossen Erdbeben wieder aufgebaut wird. Die ganzen Kuhkoepfe auf dem Markt. Die lebenden Meerschweinchen im Netz. Die frische Bergluft, mit Dieselruss abgeschmeckt. Die Frauen in ihren Trachten und mit ihren Hueten. Die Maenner mit ihren Hueten. Die Wolken, die vorueber ziehen. Das schachbrettartge Strassensystem, dass mich aufgrund der Fuelle der Eindruecke komplett in die Irre laufen laesst. Die Freundlichkeit der Menschen zum Touristen, der auch in der absoluten Nebensaison ihre Stadt besucht. Die Hunde, die an jeder Ecke stehen. Die Hunde, die an jeder Ecke liegen. Die mit dem zielstrebigen Gang eines Wolfes die vielbefahrenen Strassen queren. Oder auch im Schosshundkleidchenoutfit.
Und dann treffe ich Max. Max sagt, er heisse wirklich so. Mit zweitem Namen. Sein erster ist Vule. Max spricht mich an. Auf deutsch, was er beeindruckend gut kann. Spaeter wechseln wir auf Spanisch. Was wir ueberraschen leicht ueber die Lippen geht. Max hat, na klar, eine kleine Agentur fuer Touren ins Umland. Und alleine will ich ja nicht in die Berge. Also geht es morgen nach Chavin. Groesstenteils mit dem Bus. Wieder ueber eine Pass. 4.750 Meter. Mal sehen, waa mein Kopf dazu sagt.
PS: Gegenueber von einem Hostal strahlte gestern abend das Licht einer Polleria. Dort gibt es, wie der Name schon sagt: Pollo, also Huehnchen. In drei Varianten: Ein Viertel, ein Halbes oder ein Ganzes. Dazu jeweils Pommes und Salat. Was anderes ist nicht im Angebot. Der Laden war rappelvoll mit Einheimischen. Ich hab den letzten freien Tisch genommen. Eine gute Wahl.

