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Der Regenwald (1. Tag): Der Regen
Dieser Eintrag stammt von herr grimo Am 26.12.2011 @ 18:29 In Peru 2011 | 1 Kommentar
Dann kommt der Regen. Jorge hat es schon ein paar Minuten vorher gewusst. Er kennt das Rascheln, das sanfte Plaetschern in den Blaetter des Waldes, das sich erst nur minimal vom Rauschen des Windes unterscheidet. Aber dann naeher kommt. Lauter wird. Trommelt. Und Prasselt. Bis er uns erreicht. Der Regen. Mit aller Wucht.
Wir sitzen in unserem Einbaum. Jorge Arimuya Ruiz ganz vorn. Ich ganz hinten. Dazwischen unser Gepaeck. Mein kleiner Rucksack. Sein Reisetaeschchen. Ein paar Saecke mit Toepfen und Tellern. Und der Proviant fuer die naechsten vier Tage hier in der [2] Reserva Nacional Pacaya Samiria bei Lagunas. Dem groessten Nationalpark von Peru, im Flachland gelegen zwischen den Anden und Iquitos. Ungefaehr so gross wie Hessen.
[3]
Wir sind am Morgen in Lagunas gestartet. Ich habe den 4-Tages-Tripp gebucht. Ein Guia, ein Kanu und ich. Und der Wald natuerlich. Und jetzt: Der Regen. Jorge packt die grosse, blaue Plastikplane aus. Wir legen sie ueber das Gepaeck und auch ich krieche darunter. Nur sehe ich so gar nichts mehr. Keine gute Loesung. Spaeter stecke ich den Kopf raus, in den Regen. Die Plane liegt mir um die Schultern. Darunter habe ich meine Regenjacke. Aber es nutzt alles nichts. Jorge paddelt. Und ich werde fast genauso nass wie mein Bootsmann, der ungeschuetzt vorn am Bug sitzt. Wir folgen den Serpentinen des kleinen, wenige Meter breiten Flusses. Hier und da muessen wir dicke Baeume umschiffen, die quer ueber dem Wasser liegen. Ab und an nimmt Jorge eine Abkuerzung durch den Wald. Denn der Unterschied zwischen Wald und Fluss besteht hier nicht darin, dass das Wasser im Fluss ist und die Baeume an Land stehen. Nein, hier steht eigentlich alles Wasser. Denn es ist Regenzeit. Ich bin geduldig. Aber Spass? Nein, Spass macht das ganze hier nicht wirklich.
Nach einer gefuehlten Ewigkeit - mit der Trockenheit habe ich auch jegliches Zeitgefuehl verloren - kommen wir zur Poza Gloria, unserem Nachtquartier. Es es ein sehr einfaches Haus auf Stelzen. Darunter: Wasser. Davor: ein Steg. Darin: mehrere sehr offene, im wesentlichen durch Netze und Tuecher getrennte “Zimmer”. Daneben: eine weitere Huette als Kueche und eine dritte, das “Bad”, per Steg miteinander verbunden. In der Kueche gibt es einen Kochstelle, auf der quasi den ganzen Tag ein kleines Holzfeuer brennt. Im Bad gibt es zwei einfache Toiletten hinter Vorhaengen. Ein Spuelbecken und eine einfache Dusche.
Ausser uns uebernachtet hier noch eine handvoll anderer Guias, allerdings ohne Touristen. Sie sind gerade als Parkschuetzer unterwegs. Jeder Guia muesse das unentgeltlich alle zwei Monate fuer jeweils zehn Tage machen, um die Natur vor Wilddieben zu schuetzen, erklaert Jorge. Die anderen waren fischen. Wir verzehren den frischen Fang, unglaublich lecker. Dazu gibt es Reis und frittierte Bananen.
Und noch eine gute Nachricht: kaum sind wir an der Poza angekommen, hoert der Regen auf. Jorge macht mit mir noch eine kleine Bootstour durch die Gegend. Wir sehen Affen und Faultiere in den Baeumen. Spaeter in der Abenddaemmerung quaken die Kroeten. Ein unglaublicher Laerm. In einem Nachbarbaum hat ein Gruppe von Paucar ihre von den Aesten haengenden Nester gebaut. Sie werden ausschliesslich von den schoenen, schwarz-gelben Weibchen errichtet, die sich auch um den Nachwuchs kuemmern. Die unscheinbaren Maennchen widmen sich derweil ihrer einzigem Aufgabe: dem Gesang. Der aber ist wunderschoen.
Jorge paddelt, Jorge kocht, Jorge erklaert mir alles. Und er stellt seinerseits Fragen: Beirut, will er wissen, liegt das in Deutschland? Keine Ahnung, wie er auf Beirut kommt. Spaeter frat er, ob Galizien und Aragon Staedte in Deutschland sind. Diese Frage erklaert sich schon leichter. Es gibt hier im Wald kleine Orte, die von Kautschuksammlern einst nach ihren Heimatregionen in Spanien benannt wurden. Und ich hatte zuvor auf der Karte gesehen, dass es hier auch einen Ort namens Nuevo Hamburgo gibt. Hamburg, erklaere ich Jorge, das sei eine deutsche Hafenstadt. Ach ja, sagt Jorge. Dann will er wissen, ob Deutschland einen Koenig hat. Und welche Art von Landwirtschaft wir in Deutschland betreiben.
Im Gegenzug erzaehlt er mir die Legende vom Duende. Das sei ein kleiner Mann mit Hundeohren, der hier im Wald lebe. Dem muesse man stets aus dem Weg gehen. Denn wenn er dein Freund werden will, dann zeige er sich. Aber dann halte er dich auch fuer immer im Wald fest. Deshalb, erzaehlt Jorge, seien die Leute frueher nie allein in den Wald gegangen. Viele seien auf unerklaerliche Weise verschwunden. Zum Beispiel das dreijaehrige Maedchen Gloria. Es habe einst mit seinen Eltern an der Stelle gewohnt, wo wir heute uebernachten. Eines Tages seien die Eltern zum Fischen gefahren. Glorias groessere Geschwister haetten derweil im Fluss gebadet. Als alle zurueckkamen, war Gloria verschwunden. Sie wurde niemals wiedergefunden. Nur der Ort traegt bis heute ihren Namen: Poza Gloria.
Auch Elena ist nie wieder aufgetaucht. Sie war einst das schoenste Maedchen im Wald. Heute gibt es hier grosse, leuchtend blaue Schmetterlinge. Die Leute nennen sie: Elena. Die blauen Schmetterlinge sind wunderschoen.
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[2] Reserva Nacional Pacaya Samiria : http://pacayasamiria.org/
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