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die welt liegt uns zu füßen

Bocagrande: Der Mann mit der Auster

Der Typ kommt auf mich zu als ich gerade ein Foto mache vom der kargen Südecke hier auf Bocagrande. Wenigstens gibt es hier einen Strand, der wenigstens von seiner Breite her diese Bezeichnung verdienen würde. Schön ist er dennoch nicht. Genausowenig, wie die turmhohen Hotels, die sich gleich dahinter aneinander reihen. Manche stehen so dicht am Wasser, dass gar kein Platz mehr für Strand bleibt, jedenfalls nicht für einen öffentlichen.

Der Typ ist schon etwas älter. Einer von denen, die einen hier unentwegt ansprechen, weil sie etwas an den Mann bringen wollen. Eis. Eine Bootstour nach Playa Blanca, wo es ja wirklich einen schönen Strand geben soll. Etwas zu trinken.

Dieser Mann hier hat Austern in seinem Eimer. Und Limonen. ich will aber gerade keine Austern. So wie ich auch kein Eis will und keine Bootstour nach Playa Blanca. Ich will mir einfach nur ein wenig Bocagrande anschauen, um zu verstehen, warum hier die Hoteltürme mit über 40 Etagen aus dem Boden gestampft werden. Vielleicht ist es der Blick von da oben. Er geht aufs Meer hinaus. Oder – je nach Blickrichtung – auch auf die einst größte Zufahrt zum Hafen von Cartagena, die dieser Halbinsel hier den Namen gab: Bocagrande – großer Mund. Aber die wurde zum Schütz vor Piraten schon vor Jahrhunderten mit einer Unterwassermauer unschliffbar gemacht. Bis heute müssen alle Schiffe weiterer südlich durch die Enge bei der Insel Bocachica – kleiner Mund.

Fast wäre ich den Austernhändler schon wieder losgeworden, mit dem üblichen „no gracias“. Er fragt, ob ich denn morgen kommen würde, wenn ih heute keine Austern wolle. Da vorn, er zeigt auf das kleine Restaurant in einem Holzschuppen, da müsse ich hin. Ich bedanke mich für den Hinweis, ja, morgen, vielleicht für ich an, talvez manana, obwohl ich doch weiß, dass ich morgen eh schon in Medellin sein werde. Da zückt er sein Messer.

Vielleicht, denke ich später, wollen die Menschen, die sich die Hotels hier oder besser noch gleich eins der Apartements mit Seeblick und übergroßen Balkons, die auf der Archtitekturwerebschildern auch hierzulande immer mit dem Barcelona-Chair im coolen Bauhausstil eingerichtet sind, vielleicht brauchen die da oben gar keinen Strand. Vielleicht wollen sie auch gar keinen Strand, weil es da eh nur vor Verkäufern handelt, die einem irgendwas andrehen wollen, was man gerade gar nicht haben will. Ein Eis, eine Bootstour zur Playa Blanca. Eine Auster.

Der Typ mit dem Eimer und dem Messer holt eine der Muscheln heraus, sticht hinein, träufelt Limonen darauf und hält sie mir hin. Eine. Ein Geschenk. Er drängt sie mir förmlich auf.

Aber ich will jetzt keine Auster. Auch nicht später. Auch nicht morgen. Und schon gar nicht von einem Typen, der mir vor die Kamera läuft. Dabei kann ich ihn gut verstehen, ihn und all die anderen, die versuchen mit kleine Geschäften auf der Straße etwas zu verdienen. Viel kann das nicht sein, wenn man sich die Preise der Händler anschaut. Für 500 Pesos gibt es schon einen gesüßten Kaffee. Das sind nicht einmal 15 Eurocent.

Manchmal steht ohne die Verzweiflung im Gesicht, wenn man mal wieder alle Ketten, die sie einem um den Arm legen, den Hut, den sei einem auf den Kopf setzen wieder zurück gibt.

Der Typ mit der Auster lässt nicht locker. Ich sage ihm, es tue mir leid, aber ich hätte gerade Magenprobleme. Was nicht stimmt. Aber wenn ich mir vorstelle, das glibberige Muschelfleisch zu essen, dann könnte es durchaus wahr werden. Andererseits hab ich vor zwei Tagen oben im Viertel Getsemani auch ohne Nachzudenken bei dem faltigen Alten mit dem Holzkarren am Straßenrand eine Portion Reis mit drei großen Krebsen verputzt – und es geht mit gut!

Der Mann mit den Austern und dem Austernmesser hat ein Einsehen. Er dreht ab. Er legt die geöffnete Muschel zurück in den Eimer.

Ich kaufe eine Zeitung und lese Geschichten über den Friedensprozess hier im Land. Und über die alte, angesichts einer auch wegen des fallenden Ölpreises hierzulande heftiger werdenden Wirtschaftskrise wieder brandaktuellen Frage: was ist schlimmer – hohe Inflation oder große Arbeitslosigkeit?

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