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Bochum – ein Abriss

Pfft. Da reißen die einfach meine schöne alte Schule ab. Gerade mal die Fassade des Gymnasiums am Ostring darf stehen bleiben. Ja, ich wusste, dass das Gymnasium schon 2012 nach langer Debatte geschlossen wurde. Aber wenn man dann bei einem Heimatbesuch recht unvorbereitet vor den Ruinen seiner Jugend steht, ist das schon ein seltsames Gefühl. Die Schule, ganz egal ob man da gerne hingegangen ist oder nicht, das war immerhin der Ort, an dem man einen Großteil einer sehr prägenden Zeit verbracht hat. Und nun: nichts als Fassade. Dahinter soll ein neues Justizzentrum Platz finden.

Ein paar Meter weiter oben an der Kreuzung vor dem Hauptbahnhof steht das Terminal, die Stahlplattenskulptur von Richard Serra, die bei ihrer Aufstellung zu heftigesten Debatten geführt hatte – über Kunst und wie schön sie sein muss. Und die meiner Schule kurzzeitig den Spottnamen Gymnasium am Rostding einbrachte. Das Terminal, ursprünglich bei der documenta 6 in Kassel aufgestellt, steht seit 1979 an der Ecke. 300.000 Mark hat es damals gekostet.

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Grundsatzdebatten werden heute nicht mehr geführt. Doch um Schönheit geht es immernoch. Gerade wurde die Stahlskulptur saniert – die vielen Graffiti daran aber sind immer noch sichtbar. Nun soll die Skulptur – nach Rücksprache mit dem Künstler – mit Sandstrahl grundgereinigt werden, meldet die WAZ. Und dann wieder neu rosten.

Ein paar Tages später erscheint ein Leserbrief. Wenn die Skulptur tatsächlich heute mehrer Millionen Euro wert sein solle, so wird da argumentiert, dann solle man sie doch verkaufen. Die Stadt mit den leeren Kassen hätte es doch so nötig.

Nötig hätte Bochum vieles. Die City ist zur reinen Fußgängerzone verkommen. Da würde auch kein Sandstrahl mehr helfen. Gut, schön, richtig schön war die City noch nie. Vielleicht hätte die Innenstadt etwas Charme, wenn sie im 2. Weltkrieg nicht nahezu komplett zerbombt worden wäre. Aber selbst mit den Gebäuden, die immernoch stehen, hat meine Heimatstadt so ihre Probleme. Das alte Kortum-Kaufhaus zum Beispiel. Auch hier steht nicht mehr als die Fassade. Innen drin ist heute einen Filiale der Elektromarktkette Saturn. Und deren Einrichter haben das Haus bis zur Banalität mit dem firmeneigenen Blau zugestellt, dass man genausogut auch in einem Beton-Neubau in einem Gewerbeviertel stehen könnte. Gruselig. Von dem einstigen Lichthof, durch den sich die Treppen bis nach oben zogen, ist nichts mehr zu sehen.

Und so ist es auch mit dem Rest der Stadt. Das Bermuda-Dreieck am unteren Ende der Kortumstraße, in dem einst die Kultur des Draußensitzens für das Ruhrgebiet erfunden wurde, gleicht schon seit Jahren einem Ballermannareal, in dem jedes einzelne Lokal fast zwangsläufig sein Gesicht verloren hat. Und dann gibt es da noch die Bongardstraße, durch die bis zum Bau der U-Bahn vor ein paar Jahren noch die Straßenbahnen zuckelten.  Dann verschwand mit der Straßenbahn auch der Autoverkehr – was für eine tolle Idee. Doch übrig blieb nur eine zugige, graue, viel zu breite Kurve, auf der man sich nicht aufhalten will. Das ganze wirkt einfach nur überdimensioniert. Mein geliebtes Bochum ist sich selber eine Nummer zu groß.

F. wohnt immernoch hier. F. geht es wie der Stadt. Er hat Rückenprobleme. Er kann gerade nur noch stehen, nicht sitzen. Keine Chance zur entspannten Gelassenheit. Wir treffen uns im Konkret, da gibt es Stehtische. Und große Milchkaffeeschalen. F. erzählt vom Ärger bei  der Stadtverwaltung, bei der er arbeitet. Und von den Nickeligkeiten zuhause. Und von den Verwicklungen des Lebens, die er seit ein paar Monaten versucht, aufzuarbeiten. Es geht auch um das Verhältnis zu den Eltern. Und damit auch um die Heimat. Das Zuhause. Die Herkunft. Und die Enttäuschung.

Vielleicht aber muss man nur die Augen offen halten. F. sagt, man müsse die City nur Richtung Süden verlassen, ein paar Meter Richtung Ehrenfeld. Die Ecke rund ums Theater. Dort  gibt es gerade hässliche Baustellen. Der Tana-Schanzara-Platz gegenüber vom Schauspielhaus, das sie mit ihrer Bochumer Schnauze über Jahre geprägt hatte, ist nur eine Abstellfläche für Baugerümpel. Aber drumherum tut sich was. Hier die Espressobar, dort die netten Kneipe. Und an der Oskar-Hoffmann-Straße Fräulein Coffee, ein wirklich hübsches, eigen gestaltetes, kleines Cafe, wie ich es Bochum gar nicht zugetraut hätte. Draußen scheint sogar die Oktober-Sonne. Wir nehmen noch einen Kaffee. Diesmal sogar im Sitzen. Auch F. nimmt Platz, trotz seines Rückens. Entspannung findet man dort, wo man sich wohl fühlt.

Später mit der Straßenbahn zum Schlosspark Weitmar. In die alten Ruine hat der Galerist, der schon Serra mit dem Terminal nach Bochum gelockt hat, einen Quader für Kunstausstlellungen gepflanzt. Richtig hübsch ist das auch nicht. Aber mutig. Wenigstens das.

Zu fuß zurück. Unterwegs stehe ich an der roten Ampel. Die Kreuzung an der C. und ich uns vor das erste Mal geküsst hatten. Vor 30 Jahren. Die Jugendliebe. Ein Anflug von Sentimentaliät erwischt mich. Bis die Ampel auf grün springt.

Am nächsten Morgen. Ein letzter Kaffee bis der Zug kommt. Hinter dem Bahnhof ist immernoch das Café Ferdinand. Hier hat sich nichts verändert. Gar nichts. Die gleichen, alten weiß lackierten Möbel. Das gleiche schwarz-weiße Liebespaar auf der Speisekarte. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Ich setze mich in den vorderen Raum, nicht in den hinteren wie früher. Es ist schön hier. Wie in einem Museum mit schöner Kunst. Wie in einem Heimatmuseum. Es tut richtig gut zu wissen, dass es solche Orte gibt. Vor allem, wenn man weiß, dass man wieder weg gehen kann.

One response to “Bochum – ein Abriss”

  1. […] durch meinen Kopf schlenderte. Ich muss nochmal nach Marokko. Nach Tanger. Und unbedingt mit F., den ich vor kurzem erst in Bochum wiedergetroffen […]

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