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die welt liegt uns zu füßen

Bogota: Aldemár, der Norden, der Frieden und die Korruption

Und das hier, sagt Lady und lacht, das hier ist der trancón! So nennen die Bogotanos den Stau. Trancón ist nicht unbedingt kolumbianisch, eher regional, denn in Medellin, sagt Lady, haben sie da wieder ein anderes Wort für. Sie sitzt vorn links auf dem Beifahrersitz des bulligen, weißen VW-Pickup. Aldemár fährt. Wenn es denn mal vorangeht. Aber das dauert.

Aldemár habe ich letztes Jahr in Belize kennengelernt und bin dann mit ihm und dem Australier Louis ein paar Tage zusammen bis Tulum gereist.  Du musst nach Kolumbien kommen, hatte Aldemár gesagt. Und mich besuchen! Was man halt so sagt. Aber manchmal passiert es eben doch: Louis war im Sommer bei mir in Berlin und jetzt bin ich eben bei Aldemár in Bogota.

Aldemár hört im Auto einen Radiosender mit englischer Rock- und Poomusik. Nicht das Latinozeugs wie alle. Er sei hat anders. Was sich auch darin ausdrückt, dass er gerne reist. Er war in den Staaten, hat in Melbourne studiert und im April will es nach Spanien. So wie ich es auch mache, lädt er Menschen, die er unterwegs schätzen lernt, ein, nach Bogota zu kommen. Aber ich sei der erste, der das tatsächlich in Anspruch genommen hat.

Nicht nur deshalb nimmt er die Gastfreundschaft ernst, sehr ernst. Zusammen mit seiner Freundin Lady – ja, die heißt wirklich so, Kolumbianer gebe ihren Kindern gern gut klingende englische Wort als Namen, auch wenn sie nicht unbedingt wissen, was die bedeuten. So gebe es, ungelogen, betont Aldemár, sogar einen Kolumbianer, der Usnavy heiße, wie US Navy! – zusammen mit Lady hat er mich also an der Plaza Bolivar abgeholt, die ich als Treffpunkt vorgeschlagen hatte, weil es so einfach für mich ist. Er selbst war dort seit vielen Jahren nicht mehr. Was soll er auch hier im historischen Zentrum. Aldemár lebt im Norden, wo seine Eltern ein Restaurant habe, in dem er auch arbeitet, genau wie Lady.

In Bogota gibt es ein krasses Nord-Süd-Gefälle. Wer Geld hat, wohnt oben im Norden, wer keins hat, unten im Süden. Wo die Grenze verläuft, ist Ansichtssache. Bisher würde mit stets gesagt, Süden, das sei alles südlich von La Candelaria, wo mein Hostel ist. Es liegt zwischen der 12. und 13. Straße. Das internationale Zentrum weiter nördlich liegt etwa in Höhe der Calle 22. Der Finanzdistrikt mit seinen Hochhäuser rund um die 30. Aber das ist noch gar nichts. Nach knapp einer Stunde zähfliessendem Stop and Go erreichen wir die Calle 72. Das, da sind sich Lady und Aldemár einig, sei die unsichtbare Grenze zwischen Süden und Norden. Wer etwas auf sich hält, meint Aldemár, müssen schon so wie er und seine Eltern nördlich der 80. wohnen. Lady hat es noch nicht ganz so hoch geschafft, sie wohnt etwas weiter südlich.

An der 108. Straße fahren wir schließlich auf einen der typischen, beachten Parkplätze in einer Baulücke. Von der führt eine unscheinbare Holztür als Hintereingang durch die Brandwand ins „Café & Crepes“, ein im Berghüttenstil gehaltenes Lokal auf zwei Etagen, viel Holz, ein altes Fahrrad und Berglandschaftsbilder als Deko an den Wänden. Wir essen Crêpes, die hier in Bogota weit verbreitet, ja quasi eingemeindet längst zur lokalen Küche gehören. Ich nehme den mit Huhn und Mandarinensosse – wegen des Exoktikfaktors. Und zahlen darf ich nicht. Ausgeschlossen! Aldemár nimmt die Gastfreundschaft wirklich sehr ernst.

Wir reden über den Frieden. Und was es bedeuten würde, wenn tatsächlich Ende März nach jahrelangen Verhandlungen in Havanna ein Friedensvertrag zwischen der Regierung und der linksgerichteten Guerilla FARC unterzeichnet würde – und damit der seit fast 70 Jahren anhaltende Konflikt beendet würde.

Die beiden sind skeptisch. Die Guerilla sei doch nur noch ein kleines Problem, vor allem, weil sie mit Waffengewalt schon sehr weit zurückgedrängt worden sei. So sehr, dass man mittlerweile weitgehend problemlos durchs Land reisen könne. Aldemár und Lady waren gerade an der Karibikküste, mit dem eigenen Wagen! Das wäre, betont Aldemár, vor 10, ja auch vor 5 Jahren noch undenkbar gewesen.

Der Friedensvertrag sei ja nicht schlecht, aber eben nur ein kleiner Schritt. Denn er würde ja nur von der Führung der Guerilla unterzeichnet. Und ob die kleinen Kämpfer das mittragen, sei doch sehr zweifelhaft, zumal es für sie keine Perspektive gebe, außer den Drogenhandel.

Das größte Problem aber bleibe sowieso die Korruption. Alle Kolumbianer, die ich bisher gesprochen habe, klagen darüber. Kopfschüttelnd. Egal ob es um irgendwelche offiziellen Papier, Anträge an Behörde, staatliche Aufträge oder Polizeikontrollen gehe, immer sei Korruption im Spiel. Der übliche Preis im Umgang mit der Polizei sie derzeit 50.000 Pesos – das ist der größte Schein der kolumbianischen Währung und entspricht rund 12 Euro. Angesichts eines Mindestlohns von 600.000 Pesos pro Monat zumindest für die breite, ärmere Schicht nicht wenig. Außerdem, sagt Aldemár, sei die Einführung eines 100.000-Peso-Scheins geplant und man wisse schon, was das dann bedeutet.

Wenn aber alle über die Korruption stöhnen, warum bildet sich dann keine Bewegung dagegen? Zum einen, weil niemand darauf vertraue, dass sich durch Politik etwas ändere. Es gebe die Roten und die Blauen, aber wenig um dahinterstehende Politikkonzepte. Man sei viel mehr Anhhänger der einen oder der anderen, so wie man auch Fan eines Fußballvereins sei. Und alle wüssten: egal wer regiert, bereichert sich und seine Familie.

In Ecuador, sagt Aldemár, da sei das anders. Da gingen die Leute auf die Straße und dann ändere sich manchmal sogar was. Aber in Kolumbien sei es undenkbar, dass sich etwa eine Bewegung wie Podemos in Spanien bilde. Man schimpfe hier nur – und arrangiere sich.

Später kurven wir noch ein wenig weiter nach Norden. Rund um eine Plaza sind hellererleuchtete Restaurants. Hier im Botschaftsviertel, sagt Aldemár, könne er auch nicht essen gehen. Viel zu teuer, viel zu hoch im Norden.

Stattdessen fahren wir noch die Serpentinen zu einem Aussichtspunkt hoch. Oben über dem Lichtermeer fragt mich Aldemár, was ich für einen Eindruck von seiner Stadt habe. Relajado, antworte ich nach einigem Nachdenken, sehr entspannt! Zumindest im Vergleich zu Lima oder La Paz.

Phillipe, der mich am erst Tag eindringlich vor den gefährlichen Vierteln und Tageszeiten gewarnt hatte, hatte am zweiten Tag gemeint, dass es schwer zu beurteilen sei, wir gefährlich es wirklich sei. Schließlich sind die Kolumbianer seit Jahrzehnten auf der Hut und meiden so sehr jede Gefahr, dass sie gar nicht merken könnten, wenn sie nicht mehr bestünde. Andererseits sei Sicherheit auch ein Geschäft. Jeder Laden hat hier seinen privaten Wachmann.

Die Statistik sagt, dass die Zahl der Überfälle zuletzt sogar wieder gestiegen sei. Und sie wird weiter steigen, sagt Aldemár, wenn die Guerilleros nach dem Friedensschluss nicht mehr im Dschungel bleiben müssen.

Auch die auf den ersten Blick tollen Dinge hier in Bogota haben ihre dunklen Seiten. Die große Zahl der Strassenkünstler auf der Carrera 7, hatte mir der Biketourguide Jaime erklärt, gebe es vor allem deshalb, weil eben viele keinen Job hätten – und sich dann eben mit Musik oder Tanz durchschlagen. Oder als Altpapiersammler. Man sieht überall Männer mit großen Handkarren durch die Stadt ziehen, auf denen sie Pappkartons einsammeln. Andere durchwühlen wie in Deuschland die Flaschensammler Abfalleimer nach Brauchbarem. Nur dass es hier gar keine Flaschenpfand gibt.

Und dennoch: ich fühle mich wohl und plötzlich, hier oben über der Stadt mit Aldemár und Lady und mit einem Heissgetränk mit Zimtgeschmack in der Hand, bekomme ich Lust, noch zu bleiben. Und zumindest ist der Gedanke, dass ich am Ende meiner Rundreise, die jetzt beginnt, wiederkommen muss, nicht mehr unangenehm. Im Gegenteil!

PS: vielleicht bin ich auch nur verwöhnt. Denn obwohl der Wetterbericht stets Regen voraussagte, hat es in den dreieinhalb Tagen in Bogota keinen einzigen Tropfen gegeben. Dafür ungewöhnlich viel Sonne statt des für die Stadt sonst wohl üblichen kühl-grauen Mix. Für die Gegend und die Jahreszeit zu warm. Auch für das Grün auf den Bergen. Dort hat es in den letzten Wochen vermehrt Waldbrände gegeben. Das Klimaphänomen El Niño hinterlässt unübersehbare Spuren.

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