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Ciudad Perdida (2): Der kurze Goldrausch und Carlos lange Geschichte

Carlos ist ein Mann mit Prinzipien. Und deshalb müssen wir am dritten Morgen früh raus. Sehr früh. Und seid leise, damit ihr nicht die anderen weckt, hatte unser Guia am Vorabend nach einem Teller Nudeln bei Kerzenlicht betont. Denn Carlos hat ein Ziel. Und einen Plan. Und den Ehrgeiz, dass es auch diesmal gelingt.

Und so stehen wir tatsächlich schon um 4.30 Uhr auf. Okay, einige erst eine Viertelstunde später. Andere erst um 5, aber immer noch in völliger Dunkelheit. Nebenan gibt es Frühstück. Rührei, Toastbrot, ein wenig Obst und suero costeño, in einer dieser Ausdrücktuben, in denen in hiesigen Hostels auch gern die Marmelade serviert wird.
Was das ist? Keine Ahnung. Ih tippe auf eine Art Dosenmilchersatz oder auf Nutella in Weiß ohne Zucker. Die anderen zucken ratlos mit den Schultern. Auch Martín, der als Argentinier immerhin auch Spanisch spricht, argentinisches Spanisch, aber immerhin.

Zum Glück gibt es Carlos, unseren allwissenden Guia. Und hier, sagt er, und zeigt auf die Nachfüllpacktube, hier habt ihr suero costeño!
Ja, genau das wollten wir wissen. Die Gruppe fällt lachend unter den Tisch. Aber dann müssen wir los.

Um 5.45 Uhr, im engen, dicht bewaldeten Tal ist ein erster Hauch von Dämmerung wahrzunehmen. Aber wir haben ja Taschenlampen, alle, bis auf den freundlichen Briten Sam, der hat nur einen Leuchtkuli. Egal, auf gehts, denn Carlos hat ja einen Plan, ein Ziel.

Wir tappen über den schmalen Pfad, teils fünf bis zehn Meter über dem zum Fluss steil abfallenden Ufer, kraxeln über Stock und Stein und Pfützen. Als wir eine halbe Stunde später zu vorerst letzten Mal den Fluss queren müssen, ist es schon hell.

Auf der anderen Seite wartet Frühsport. Die Treppe hoch zur Ciudad Perdida. Angeblich sollen das 1.200 Stufen sein. Nachgezählt habe ih nicht, es wäre auch schlicht unmöglich. Denn der von den Tairona aus hunderten Felsbrocken vor Jahrhunderten gebaute Aufstieg ist nicht nur unglaublich steil, sondern auch extrem unregelmäßig. Ist da jetzt hier eine Stufe? Oder zählt das nur als Zwischenstufe? Und ist hier im Laufe der Zeit nicht eine rausgefallen, müsste also doppelt zählen? Egal! Viel wichtiger ist der Rat von Carlos: wenn der Fuß nicht ganz auf die schmalen Stufen passt, sollen wir seitwärts gehen, damit wir mehr Halt haben. Zum Glück regnet es nicht, sonst wäre das hier eine supergefährliche Rutschpartie. So bleibt es bei einigen harmlosen Abrutschern.
Und dann sind wir wirklich oben. Oder genauer gesagt: unten am Fuß der Ciudad Perdida. Von der eigentlichen Stadt ist nichts mehr zu sehen, das die Tairona wie heute auch vor Jahrhunderten schon ihre Häuser aus vergänglichen Naturmaterialen bauten. Holz, Palmblätter usw..

Aber man sieht die kreisrunden Fundamente, die das Volk hier gebaut hat, um damit an den Hängen ebene Flächen zu schaffen, auf denen dann die Hütten errichtet wurden.

Wir steigen weiter hoch, über uralte Treppen durch den Wald auf den zentralen Platz mit einem mehrere Meter hohen Felsbrocken, der laut Carlos einen Frosch darstellen soll.
Und dann sind wir endlich da. Ganz oben, am höchsten, für Besucher zugänglichen Punkt der Ciudad Perdida, von dem man den Postkartenblick auf den unter uns liegenden zentralen Platz hat. Carlos ist zufrieden. Wir sind die ersten an diesem Morgen. Carlos sagt, seine Gruppe sei immer die erste. Das ist sein Ziel. Er lächelt in seine Schäuzer.

Aber was ist das? Da kommt doch tatsächlich schon eine zweite Gruppe und läuft auf den zentralen Platz. Dabei haben wir doch noch gar nicht alle unsere Fotos von der menschenleeren Anlage gemacht. Carlos wird laut, ruft, brüllt, schreit, die Gruppe da unten soll sich aus dem Bild machen Tatsächlich verschwindet sie bald hinter einer Mauer. Freier Blick für die Kameras der Frühaufsteher!

Aber Carlos nutzt die frühe Stunde noch für etwas anderes. Hier oben erzählt er uns endlich die Geschichte der Ciudad Perdida und ihrer Widerentdeckung, die glücklich beginnt und traurig endet, wie er uns schon vor zwei Tage angekündigt hat. Er entschuldigt sich erstmal, denn – wir haben ja Zeit, wir sind ja früh dran – er will mal wieder die lange Version erzählen, in aller Ausführlichkeit. Denn nur so wird deutlich, dass und warum diese Geschichte am Ende auch ein kleines bisschen seine eigene ist. Und warum dieser Guia, unser Carlos mit einem so unglaubliche Engagement bei der Sache ist.

Die Goldrauch

Es waren einmal, beginnt Carlos, ein Vater und sein Sohn. Armer Campesinos aus der Gegen von Minca, einem Städtchen in den Berge oberhalb von Santa Marta. Die kannte, wie alle hier in der Gegend, die Legende von der verlorenen Stadt, die vor etwa 400 Jahren von den Tairona verlassen worden war – und nie wiedergegebene wurde.
Die Tairona, das muss man wissen, lebte zu der Zeit als die Spanier hier mit ihren Schiffen ankamen, nicht nur hier oben in der Sierra Nevada, die so heißt, weil die beiden höchsten über 5.000 Meter liegenden Gipfel tatsächlich Schnee tragen. Nein, sie lebten auch unten an der Küste, das wo heute der nach ihnen benannte Nationalpark Tayrona liegt.

Sie kannten damals nicht nur die Technik, Felsen zu zerschneiden und zu bearbeiten, sondern hatten auch jede Menge Goldschmuck, der die Hoffnung der Spanier, hier auf das erträumte El Dorado gestoßen zu sein, beflügelte. Und den die Tairona selbst ihren Verstorbenen als Grabbeigabe beilegten – stets über den Kopf des hockend in der Mitte eines Rundhauses Begrabenen, der dann wiederum mit einer runden Steinplatte abgedeckt wurde.

Als Vater und Sohn im Jahr 1976 wieder einmal durch die Wälder streiften, um nach neuen Anbaugebieten zu suchen, entdeckten sie hier oben eine von dichtem Wald überwucherte Reihe von Felsbrocken, die einen Kreis formten. Schnell war den beiden klar, was sie gefunden hatten. Und was das bedeutete. Der Vater, erzählt Carlos, nahm seinen Sohn in den Arm und sagte, Sohn, wir werden reich sein, unglaublich reich.

Bei ihrer zweiten oder dritten Wanderung hierher fanden sie tatsächlich ihren ersten Schatz – genau in der Mitte eines Steinkreises.

Sie verkaufte das Gold und feierten ausgelassen mit viel Alkohol und Frauen ihren Erfolg. Da wurden fünf andere Campesinos auf sie aufmerksam und fragten erst sich und dann Vater und Sohn, wie es sein könne, dass sich arme Bauern so etwas leisten könnten. In ihrem Rausch erzählten die beiden von ihrem Fund und nahmen die fünf bei ihrem nächsten Aufstieg mit.

Der Vater verkündete bald, dass er jetzt der Patron sei, die Fünf hätten die Grabungen durchzuführen und dann alle Schätze bei ihm abzuliefern. Er selbst, das fiel dem Sohn bald auf, behielt die besten Stücke stets für sich, die fünf Helfer bekamen nur den Rest. Das passte dem Sohn ganz und gar nicht – und er erzählte es auch den Betrogenen.

Die schmiedeten bald einen Plan. Lass uns, sagten sie, deinen Vater umbringen, dann wirst du unser Chef. Erst zögerte der Sohn, dann aber stimmte er zu unter der Bedingung, dass er nicht dabei sein müsse.

Als die fünf das nächste Mal Gold fanden, riefen sie den Vater herbei, erschossen ihn, als er sich über den neusten Schatz beugte und begruben ihn an Ort und Stelle in dem frisch geplünderten Grab.

Da bekam der Sohn Zweifel. Was, fragte er die anderen, soll er denn jetzt seiner Mutter erzählen. Ach, antworteten diese, sag ihr einfach, der Vater sei in den Wald gegangen und auch nach drei Tagen nicht zurückgekehrt. Wahrscheinlich hat ihn ein Tiger gefressen.

Der Sohn tat, wie ihm geheißen, die Mutter war traurig, glaubte ihm aber. Daraufhin zog er mit den Fünfen nah Santa Marta und feierte ausgiebig – fünf Tage lang.

Diesmal aber bekamen die anderen Zweifel. Was, wenn der Sohn eines Tages ausplaudert, dass wir seinen Vater getötet haben. Und so beschlossen sie, auch den Sohn umzubringen.

Vater und Sohn, keiner der beiden Entdecker hatte lange Freude am neu gewonnenen Reichtum. Auch die fünf nicht. Sie landeten, als die Geschichte aufgeflogen war, im Gefängnis.

Offizielle Stellen wussten immernoch nichts von der Wiederentdeckung der verlorenen Stadt. Das änderte sich erst ein Jahr später, als Franco Rey, ein weitere Campesino zum zweiten Entdecker wurde. Er stellte sich schlauer an, sagt Carlos, und überlebte. Zum einen, weil er bald die Regierung von seinem Fund unterrichtete. So wurde die Anlage früh geschützt, so früh, dass laut Carlos nahezu hundert Prozent aller Grabschätze bis heute im Boden sind.

Außerdem zeigte Franco Rey schon 1977 ein paar Gringos Fotos von der Ciudad. Die baten ihn dann, sie zu den Ruinen zu bringen. Und so begann der früheste Tourismus zur Ciudad Perdida. Und Franco Rey wurde zum König der Guias.

1982 hat Franco Rey persönlich dann auch Carlos das erste Mal mitgenommen. Als Koch und Träger. Damals, erzählt Carlos, habe die Tour noch mindestens sieben Tage gedauert. Und weil es noch keine Cabañas am Weg gab, musste alles mitgeschleppt werden. Er habe 30 bis 40 Kilo Gepäck tragen müssen. Zum Glück hätten die Gringos ihm aber schnell geholfen.

Bald habe Franco Rey gesagt, Carlos, du musst dir all diese Geschichte merken, dann kannst du eines Tages selbst ein Guia werden. Sechs Jahre später war es so weit. 1988 startete Carlos seine erste eigene Tour.

Inzwischen sind unten auf dem zentralen Platz mehrere Nachzüglergruppen zu sehen. Es gebe heute, sagt Carlos und rümpft die Nase, so viele Guias. Einige seien gerade mal ein paar Monate dabei. Wie sollen die denn, fragt Carlos, all das hier den Besuchern begreiflich machen?

Und man sieht ihm an, dass es hier nicht nur um seine persönliche Eitelkeit geht, nicht nur um den Ehrgeiz, der beste Führer zu sein, der der seine Gruppe immer als erste den Berg hinaufführt. Nein, es geht ihm um die Sache an sich. Denn die Ciudad Perdida ist ihm eine Herzensangelegenheit, sein Traumjob. Und dass nicht nur, weil er unterwegs sich für seine Kopfsprünge vom Felsbrocken in sein Lieblingsflussbett beklatschen lassen darf oder weil er sich immer wieder wie ein kleiner dreister Junge freuen kann, wenn er eine der Frauen in der Gruppe fragt, ob sie sich an den Namen dieses Baumes erinnern, den er uns gestern genannt hat. Und sie dann, wie fast alle „la concha“ antworten, was fast richtig ist, aber eben nur fast. Tatsächlich heißt es Möse.

Zurück auf dem Hauptplatz fragt Carlos uns dann noch, ob wir uns vorstellen könnten, warum die Tairona die Froschskulptur weder Beine, noch Arme habe. Wir rätseln alle rum, ich vermutet, dass der Fels einfach nicht groß genug war. Alles falsch, sagt Carlos, fängt wieder an zu kichern und erklärt: Wenn sie dem Frosch Beinen gegeben hätten, wäre der ja weggehüpft. Carlos bekommt einen Lachanfall. Wir stehen etwas ratlos daneben.

Ein Tucan fliegt von einem Baum zum anderen.

Was jetzt noch auf uns wartet? Der Rückweg. Erst 1.200 steile Stufen, dann der Fluss, dann bergauf, bergab, bergauf, bergab ….

Aber erstmal schauen wir noch bei Romaldo vorbei, dem spirituellen Schamanen der hier am Rande der verlorenen Stadt lebenden Tairona-Familie. Er verkauft uns sehr einfache Armbänder, sechs winzige bunte Perlen an einem weißen Faden. Das, erklärt Carlos, gebe Sicherheit.

Ich glaube ja nicht an so einen spirituellen Hokuspokus. Aber zufälligerweise stehe ich ganz vorne und wo ich schon mal da bin … . Der 70-jährige Romaldo greift in seinen Beutel und bindet mir das Bändchen ums Handgelenk. Meine Perlen sind schwarz, rot und gelb. Hm. Da wird sich der allwissende Schamane sicher was bei gedacht habe . Nur was? Hauptsache, ich komme gesund zurück nach Santa Marta

Und? Wird das gelingen? Die Antwort steht in Teil 3.

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