grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Der Cowboy von Teneriffa 

Die Fahrt hier rauf ist die Hölle. Erst die Autopista mit den superkurzen Auffahrten unten an der Küste. Dann die kurvige Strasse hoch nach Arico. Von dort die Landstraße immer am Berghang entlang in engen Serpentinen parrallel zur unten liegenden Küste, rein in die Schlucht, über die schmale Brücke raus aus der Schlucht, um den Bergvorsprung herum und wieder rein in die nächste Schlucht. Und dann gefühlt senkrecht nach oben. Keine Kurven mehr, sondern immer auf dem Hangkamm entlang rauf, rauf, rauf. 640 Höhenmeter klettert man mit dem Wagen in gut 25 Minuten, die Hälfte davon in den letzten 5.

Und dann steht man vor einem verschlossenen Tor am Ende der Straße in stockdunkler Nacht und weiß, dass man falsch ist. Zu weit gefahren. Nur 50, maximal 100 Meter. Aber man sieht quasi nichts, man ist nicht vertraut mit dem Mietwagen und das einzige was sicher ist: rechts und links von der Straße geht es noch steiler runter als auf dem Asphalt.


Später, viel später wird Mario erzählen, dass die Einheimischen hier alle mit ihren alten abgemeldeten Suzuki-Jeeps die Bergwege rauf und runter pesen, vor allem, wenn sie beim Nachbarn aufkreuzen, um den selbst gekelterten Weißwein flaschenweise zu trinken. Und dass mal ein Freund von ihm morgens aufwachte, in seinem Auto, aber tief unten im Barranco, der Schlucht weitab von der oben laufenden Straße. Ihm sei nichts passiert, aber er hatte weder eine Ahnung, wie er dort gelandet war nach dem Gelage in der Nacht zuvor, noch wie er da wieder rauskommen sollte.

Oder dass er selbst mal mit seinem Jeep die Böschung runtergekracht ist, dass er den ersten kleinen Mandelbaum umgenietet und erst vom zweiten, größeren Baum gestoppt wurde. Und all das, was Mario erzählt, klingt nicht wirklich beruhigend. Nicht wenn man weiß, dass man an den nächsten vier Abenden nochmal hier hoch will, hoch muss, immer darauf hoffend, dass wenigsten keiner entgegen kommt.

Beruhigend hier oben ist nur die Aussicht. Und die ist der Hammer. Von der Terrasse vor dem weißen Häuschen, das tatsächlich kaum mehr als ein Höhlenvorbau ist, hinunter in die Schlucht schweift der Blick über die Hänge und Täler runter bis zum in der Sonne glitzerndem Meer. Oben kreist ein Adler. Man sieht ihn nicht. Aber man hört sein Kreischen. Sagt Mario.


Seit drei Jahren wohnt der kleine, schmale Mann mit dem Sonnencappy über den zahnlückenstrahlendem Lachen hier oben. Damals war er noch mit dem Bandbus hier hoch gekurvt. Dann ist er geblieben, auf der Finca von Wolfgang, der hier schon seit 17 Jahren lebt, hoch oben über der Südostküste von Teneriffa. Vorn an der Biegung der sandigen Zufahrt zur Finca kann man sogar rüberschauen bis zur Nachbarinsel Gran Canaria.

Mario erzählt wie die Serpentinen hier oben in den Bergen. Ausschweifend. Schlingernd.

Von dem Cannabis-Club, den er betreibt, nur für gesundheitliche Zwecke, alles ganz legal und mit Abgabe nur an Mitglieder, die Schösslinge zieht er hier oben, die Pflanzen setzt er dann unten an der Küste in einem Gewächshaus, alles gehe da ganz automatisch, computergesteuerte Berieselungsanlagen.

Oder von dem 200 Jahre alten Orangenbaum da unten, eine Sorte, die es heute gar nicht mehr gebe, zwei Früchte reichen für einen halben Liter Saft.

Oder von Barney, dem Hund, der mit seinem zotteligem Schafspelz dringend mal wieder zum Friseur müsste, der gern mal Ratten erlegt, aber nichts mehr scheut als das Wasser.

Und von den Wassertanks, die er hier oben hat, die jetzt fast leer sind, weil der Regen ausblieb, die aber wenn sie voll wären, für vier Jahre reichten und immer kaltes, klares Wasser liefern, weil sie wie zwei der drei Zimmer der Finca hier ebenfalls in den Höhlen im Hang stecken.

Und von seiner Großmutter, die ihm gesagt habe, Junge, eins musst du können: kochen! Dann hast du immer was zu essen. Und dass er sich das schon als Kind zu Herzen genommen habe, denn er sei der Älteste zuhause gewesen, da habe er sich um die jüngeren Geschwister kümmern müssen.

Neulich, erzählt Mario, habe er seine kanarischen Freunde beeindruckt, mit Hähnchenfilet, das er selbst erfunden habe. Sein Rezept. Er habe ganz einfach diese kanarische Gewürzmischung genommen, die die Einheimischen nur für Kaninchenbraten nutzen. Und dann hätten ihm alle auf die Schulter geklopft, gesagt, dass sie ihm das gar nicht zugetraut hätten, und gleich nochmal dasselbe verlangt.

Aber nicht nur das Kochen ist ihm wichtig. Der Cowboy, würden seine Freunde hier auf Teneriffa über ihn sagen, der Cowboy liebe das Putzen. Aber darum gehe es gar nicht. Es gehe doch viel mehr darum, die Dinge in Ordnung zu halten.

Und das sind sie allemal, hier oben auf der Finca am Hang knapp unter den Wolken, wo nachts ein Sternenhimmel den Betrachter umhaut, wo nicht nur das lauteste, sondern fast das einzige Geräusch das Bellen eines Hundes aus der Nachbarschlucht ist, na gut, manchmal kräht auch ein Hahn oder es brummen die Bienen im Busch vor unserem Fenster. Oder es kreischt oben am Himmel ein Vogel, den man nicht sieht. Der Adler, erzählt Mario wieder, so als ob er es noch nie erzählt hätte, zwei Meter Spannbreite haben seine Flügel, die er quasi nicht bewegt, mit denen er nur segelt. Und dann zeigt Mario mal wieder sein zahnlückenstrahlendes Lächeln.

Mario weiß viel. Nicht nur Geschichten, sondern auch wie das Wetter wird. Wenn sie Windräder, die unten an der Küste Ökostrom erzeugen, mir ihren Propellern Richtung Gran Canaria schauen, erzählt Mario, dann wird alles gut. Schauen sie aber nach Westen, dann drohe Ungemach.


Hier oben hat Mario, der gestrandete Country-Sänger seinen Platz gefunden. Das ist offensichtlich. Nächsten Freitag, erzählt er allen, wird er Geburtstag feiern. Dann kommen die Freunde hier rauf. 120 Bratwürste habe er unten bei Carlos, dem Metzger bestellt. Von der Sorte, der guten, die es eben nur auf Bestellung gibt. Und wenn die dann auf dem Grill liegen, wird er, der Country-Sänger, mal wieder singen. Seine Freunde werden ihn wieder den Cowboy nennen.

Und wer dann sein Gast ist, in einem der drei einfachen Zimmer, den läd der Cowboy ein.

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