grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

El Potosino, Evo und die heisse Limonade in der Karaoke-Bar

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Potosi war mal eine sehr reiche Stadt. Deshab gibt es hier ueber 40 Kirchen, die aelteste ist Teil des Franziskaner-Klosters, in dem man noch alte Gruften mit Schaedeln bewundern kann. Und eine Jesusfigur, die eines Tages in einer Kiste vor der Tuer lag, Herkunft bis heute unbekannt, dafuer hat eine wissenschaftliche Untersuchung bestaetigt, dass Haar und Bart der Figur nicht nur echt sind, sondern bis heute wachsen. Ausserdem kann man der Kirche aufs Dach steigen, die anderen Kirchtuerme zaehlen, oder gucken, in welche Richtung La Moneda liegt, die alte Muenze, in der das hier gefundene Silber zu Muenzen gepresst wurde, erst von Hand, dann mit Pferdeantrieb, zum Schluss mit elektrischen Maschinen. Von all dem koennte ich seitenlang berichten. Moechte ich aber nicht. Denn ich moechte viel lieber von Jose, dem weitgereisten Potosino, erzaehlen.

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Jose stand am Samstagabend vor mir in der Schlange an meinem kleinen Lieblingsstrassenimbiss. Ich war schon am Vorbabend dort und hatte mir ein Lomito gegoennt:  Ein duennes Stueck Rindfleisch, frisch in einer Bruehe gar gekocht, in ein Broetchen mit Tomaten, Zwiebeln, frittierten Kartoffelstuecken gepackt, dazu drei Sossen und wenn man „completo“ will, dann auch noch mit der scharfen Sosse. Lecker. Ich waere am Sonntag wieder hingegangen, wenn ich noch in Potosi gewesen waere.

Jose stand also vor mir in der Schlange und wir hatten uns kurz darueber unterhalten, wie auffaellig das Gedraengel an unserem Stand ist, waehrend ein paar Meter weiter bei der Konkurrenz mit aehnlichem Angebot niemand wartete.

Wenig spaeter, als ich mit meinem Lomito durch die Strassen kleckerte, bin ich ihm bzw. ist er mir wieder ueber den Weg gelaufen. Ein Laecheln, die ueblichen Fragen – woher? wohin? welcher Name? – und schon spazierten wir uns angeregt unterhaltend den Boulevard auf und ab. Ungelogen mindestens fuenf mal liefen wir die gesamte Fussgaengerzone rauf und wieder runter. Das machen die Leute hier so, sagt Jose. Er muss das wissen, er ist hier geboren.

Gelebt aber hat er ueberall. 1989 zum Beispiel ein Jahr in Deutschland, in Fuerstenfeldbruck, weil es da spannede Forschungen zu Geomagnetismus gegeben habe. Spaeter hat er laenger in Japan gelebt. Und in Frankreich. Er ist mal ohne Geld von Madrid bis nach Lyon getrampt. Er liebt das Reisen, er schwaermt von den deutschen, ja vor allem den bayrischen Kleinstaedten. Er war in Berlin kurz nach dem Mauerfall und kennt in Bolivien jede Ecke. Sein Bruder lebt in Bruessel, eine Tochter arbeitet al Oekologin tief im bolivianischen Regenwald, die andere hat ihn gerade zum Opa gemacht. Er ist seit 24 Jahren verheirate, das heisst, eigentlich sind es nur 23 Jahre, denn letztes Jahr hat seine Frau ihn verlassen.

Er spricht ein halbvergessenes Deutsch, dazu Englisch, Franzoesisch und ein paar Brocken Japanisch. Jetzt will er Russisch lernen, weil die Frauen in der Ukraine so schoen sind.

Seine Mutter habe immer gesagt, er sei ein pata y perro – Ente und Hund, der hiesige Ausdruck fuer Menschen mit Hummeln im Hintern.

Jetzt ist er gerade in Potosi, um seine Mutter, die lange in Belgien gelebt hatte, zu besuchen. Eine Wohnung hat er in La Paz, aber er ist eigentlich dauernd unterwegs.

Bei der ungefaehr dritten Runde ueber den Boulevard – ueber den es, wie Jose erklaert, sogar ein eigenes Lied gibt – kommen wir auf die Politik zu sprechen. Genauer gesagt natuerlich auf Evo Morales, den Praesidenten. Der habe, sagt Jose, in seiner achtjaehrigen Amtszeit ganz bestimmt das Land veraendert. Anders als Evos Parteifreunde nennt Jose aber nicht den bolivianischen Satelliten oder die Ralley Dakar, sondern handfestere Sachen: So sei die Wirtschaft stabiler als je zuvor. Auch werde das Strassennetz grosszuegig ausgebaut. Davon profitiere das Land auf Dauer, weil die Reisen durch das Hochgebirge deutlich schneller werden. Das bekommt man sogar als Tourist mit, wenn man im Wortsinne erfaehrt, dass Strecken, fuer die laut Reisefuehrer sechs Stunden benoetigt werden, heute schon in vier Stunden absolviert werden. Dann habe Evo Morales den Sozialstaat deutlich ausgebaut. Und nicht zuletzt sei die in der Verfassung verankerte Formel des plurinationalen Staates, keineswegs nur eine Worthuelse, sondern laengst gelebte Praxis.

Eins aber sei der linke Praesident nicht angegangen: die Korruption. Die sei heute sogar noch viel schlimmer als frueher. Bei oeffentlichen Auftraegen muesse man rund 30 Prozent Schmiergeld einkalkulieren. Darunter leide das Land. Morales habe – aehnlich wie Obama in den USA seinen Change – gross den Cambio angekuendigt. Und dann aber geglaubt, er selbst sei schon Wandel genug, meint Jose. Fuer viele von Morales Parteigaengern bedeute der Wechsel vor allem: frueher haben die anderen abkassiert, jetzt wir. Ob auch der Praesident in die Korruptionsskandale verwickelt sei? Nein, sagt Jose, man wisse das zumindest nur von einigen seiner Minister. Evo selbst sei intocable.

Auch die eigentlich gute Idee von der Plurinationalitaet, sei nicht gut umgesetzt worden. Denn anders als beispielsweise Nelson Mandela in Suedafrika, der nach dem Ende der Apartheid auf Versoehnung gesetzt habe, drehe Morales nur den Spiess um. Die Weissen wuerden nun benachteiligt.

Grosse Angst vor einem Wechsel bei der Wahl im September muesse Morales aber dennoch nicht haben. Denn die einst starke Rechte sei vollkommen zerstritten. So oder so, sagt Jose, die Idee des plurinationalen Staates werde ueberleben. Zum einen, weil sich rund 60 Prozent und damit die Mehrheit der Bolivianer selbst als Indigenas sehen, die von den neuen Rechte und der ihen  zugestandenen groesseren Autonomie profitieren. Zum anderen, weil auch die Opposition das mittlerweile anerkennt. Das gehe so weit, erzaehlt Jose, dass weisse Politiker nun in der Oeffentlichkeit im Poncho auftreten.

Nach dem fuenften Auf und Ab tauschen wir die Mailadressen. Jose erzaehlt noch beilaeufig, dass er Gitarrist ist, am liebsten Jazz spielt und gerade versucht eine neue Band aufzubauen. Ich frage ihn, ob er weiss, wo es in Potosi Live-Musik gibt. Aber er hat auch keine Idee. Konzerte, sagt er, sind hier selten. Die jungen Leute gehen er in Karaoke-Bars. Gleich auf der Ecke ist eine. Trinken wir was?, fragt Jose, und schon sitzen wir drinnen, in der oberen Etage der plueschig roten Bar, die sich schnell mit jungen Bolivianern fuellt. Ich bin der einzige Auslaender hier.

Was wir trinken wollen?, fragt die Bedienung und reicht die Karte. Ganz oben steht „limonada caliente“ – heisse Limonade. Heiss?, frage ich irritiert. Ja, sagt Jose, mit Singani, der bolivianischen Form des peruanisch-chilenischen Pisco. Wir bekommen eine grosse Thermoskanne und zwei Becher. In Deutschland wuerde man das wohl heisse Zitrone mit Schuss nennen. Und schnell wird klar: hier oben auf ueber 4.000 Meter mit aeusserts nasskaltem Wetter, das mir am Nachmittag gehoerig in die Knochen gefahren ist, muss so was ja zum In-Getraenk werden. Wir sind keineswegs die einzigen, die eine Thermoskanne auf dem Tisch stehen haben.

Dann kommt nochmal die Bedienung. Was wir singen wollen?, will sie wissen und reicht uns eine lange Liste mit Karaoke-Songs. Jose sucht sich schnell „Besame mucho“ aus. Hinten gibt es eine Liste mit englischen Songs. Komm, sagt Jose, ein Stueck von den Beatles wirst du doch koennen! Na gut, ich nehme „Yesterday“.

Erstmal sind aber die Jungs an den Nachbartischen dran. Und die haben es groesstenteils richtig drauf. Die spanischsprachigen Cumbia-Schmonzetten, die hier rauf und runter laufen, eigen sich aber auch wunderbar zum Dahinschmettern. Es sind Songs, die fuers Singen geschrieben wurden. Jose singt fast bei allen Stuecken mit. Und mit ein bisschen Singano im Blut und den spanischen Texten auf dem Karaoke-Bildschirm, kann sogar ich mitsingen, hoert ja zum Glueck keiner. Erst bei „Yesterday“ kommt das Mikro. Ich geniesse den Besucherbonus.

Jose bestellt noch eine zweite Kanne. Wir reden ueber die Buecher, die wir lesen, und versprechen uns gegeseitig eine Liste von interessanten deutschen bzw. bolivianischen Autoren zuzumailen. Wir philosophieren ueber das Reisen, wir sind uns einig, dass das wichtigste die Menschen sind, die man unterwegs trifft, wichtiger als alle Fotos, dass es um Austausch geht, um die Erfahrung der Unterschiedlichkeit, aber auch um das Wissen der Gleichheit. Und darum, sich anhand der interessanten Fremdheit des anderen selbst zu erkennen. Letztlich, sagt Jose, haben wir alle die selben, tief gehenden Fragen. Und keiner hat eine wirkliche Antwort.

Ausser vielleicht: Freundschaft.

Wir wanken die Treppe runter und raus auf die Strasse. Mein Hostel ist drei Haeuser weiter. Was fuer ein Glueck am Ende eines so wunderbaren Abends.

 

4 Responses to “El Potosino, Evo und die heisse Limonade in der Karaoke-Bar”

  1. Hatten die kein Lou Reed oder Rolling Stones in der Bar! 😉

  2. herr grimo sagt:

    herr oppermann, Sie haben das Problem sehr genau benannt. 🙂

  3. […] Die alte Minenstadt liegt auf etwas über 4.000 Metern Höhe, entsprechend ist das Wetter kühl und nass und man freut […]

  4. […] Limonada caliente: genau wie der Nameschon sagt, handelt es sich hierbei um warme Limonade aus Zitronensaft und -> Singano. Habe ich in der Karaokebar im kalten Potosi serviert bekommen. […]

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