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Gesalzenes Glueck: Der Salar und die Bergflamingos

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Sagen wir es so: Nein, perfekt ist diese Tour nicht. Aus zwei Gruenden. Erstens ist der Guia, der die sechs Reisenden drei Tage lang durch die Gegend kutschiert, leider sehr maulfaul. Und dann … das bloede Ende. Aber der Rest: unglaublich, eindrucksvoll. Eine Landschaft, die Glueckshormone produziert.

Hier in Uyuni hat man eigentlich nur zwei Moeglichkeiten. Entweder man bucht einen Tagesausflug auf den gigantischen Salzsee, der hier in 3.700 Meter Hoehe in den Anden liegt. Oder man bucht die Drei-Tages-Tour, bei der man nach dem Salzsee noch einige kleinere Seen in der Berglandschaft besucht und bis in die suedwestlichste Ecke des hier fast menschenleeren Boliviens vordringt.

Fuer einen Besuch des Salzsees ist es nicht die beste Jahreszeit – auch hier regnet es schliesslich. Bei meiner Ankunft am Sonntag hatte ich schlimmste Befuerchtungen. Fast die ganze Busfahrt von Potosi hierher hat es heftig geregnet. Und in Uyuni standen einige Strassen und Kreuzungen unter Wasser.

Am Montag aber verziehen sich die Wolken, die Sonne kommt raus und bringt uns einen perfekten Tag auf dem Salzsee. Wir, das sind in diesem Fall Emanuelle und Antoine aus Marseille, die monatelang von Kuba ueber Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien nach Argentinien reisen und das in einem schoenen Fotoblog dokumentieren; Marco, der italienische Informatiker aus London; Rakel, die baskische Kuenstlerin, die gerade Antropologie in Brasilien studiert; und Valentina, die Neapolitanerin, die in Santiago ihre Abschlussarbeit ueber die Sprache eines Kleinstaedtchens im Sueden Chiles schreibt. Eine tolle, sehr vergnuegliche Truppe, die das uebliche Sprachenhopping auslaesst und ausschliesslich auf Spanisch kommuniziert. Und die sich in der zweite Nacht – nachdem Valentina beilaeufig erwaehnt, dass sie auch Operngesang studiert hat – sich als gesangfreudig entpuppen wird. Valentina singt ein kurzes Lied. Emanuelle und Antoin singen zweistimmig ein altes und sehr langes Volkslied auf Aquitanisch. Und ich gebe „Schlaf Kinchen Schlaf“ zum besten.

Aber erstmal sitzen wir in dem Toyota-Landcruiser mit 4-Rad-Antrieb. Und wir sind nur eine Truppe von vielen. An die 20 Wagen duerften es sein, die sich nach einem kurzem Stopp auf dem „Friedhof der Zuege“, wo aufgegebene Dampflokomotiven in der salzhaltigten Luft vor sich hinrosten, auf den Salzsee wagen. Langsam, sehr langsam steuert unser Fahrer Nelson den Wagen auf den See, der wegen des Regens derzeit tatsaechlich ein See ist. Er steht unter Wasser, mal sind es fuenf, mal zehn, mal 20 Zentimeter. Von Juli bis November liegt der See trocken, dann besteht er nur aus der bis zu elf Meter dicken Salzkruste, die auch jetzt die ganzen Touristenjeeps traegt.

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In der Trockenzeit kann man quer ueber den See fahren und eine Insel besuchen, die mittendrin liegt. Aber auf dem Weg dahin ist jetzt das Wasser zu tief. Wir koennen nur kaum mehr als ein, zwei Kilomter bis zu einer flachen Erhebung fahren, auf der das hotel de sal, steht, ein Haus, das komplett aus Salzziegeln gebaut ist, die aus dem See geschnitten wurden. Eine hier uebliche Bautechnik, wie wir in einem Dorf am Rand des Salar sehen konnten.

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Auch wenn wir nur eine kleine Fahrt machen koennen, der Eindruck ist einmalig. Man steht mitten im See und kann meilenweit gucken, es entstehen faszinierende Spiegelungen im flachen Wasser. Wir machen, was hier alle machen: In die Luft springen und sich gegenseitig fotografieren. Und noch einen Vorteil hat der Besuch in der Regenzeit. Alle, die schon mal hier waren, hatten vor der eisigen Kaelte hier oben gewarnt. Aber die Winde, die hier in der Trockenzeit wehen, fehlen jetzt. Heute heizt die Sonne das flache Wasser lauwarm auf, man bekommt Lust, stundenlang hindurch zu wandern.

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Aber Nelson draengt. Weil wir die Abkuerzung durch den See wegen des Wassers nicht nehmen koennen, liegen noch drei Stunden Fahrt bis zum Hostal in den Bergen vor uns. Unterwegs halten wir in einem Kleinstaedtchen an einem Markt. Wir kaufen ein paar Biere fuer den Abend: Die einzig vorhandene Marke „El Inca“ entpuppt sich beim Abendessen allerdings als Malzbier. Haette man bei einem genauen Blick aufs Etikett vorher sehen konnen. Denn statt Cerveza, steht dort Bi-Cervecina drauf.

Nach dem Abendessen noch ein kurzer Gang auf die fast unbeleuchteten Strassen des stillen Dorfes, in dem wir untergekommen sind. Eine sternenklare Nacht. Hier Orion, dort das Kreuz des Suedens und quer rueber die Milchstrasse. Gigantisch.

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Der zweite Tag der Tour ist dann wie Kino. Wir fahren und fahren und fahren. Mal mit 50 km/h, meist aber mit nur 30 bis 40 km/h geht es ueber rumpelige Schotterstrassen und manchmal auch noch langsamer ueber mit Schlagloechern gespicjten Sand- und Lehmwegen. Wir schauen und schauen und schauen. Hier steht einfach jede Menge Landschaft rum, unglaublich schoene Landschaft, die sich zudem alle paar Minuten wandelt.

SONY DSCErst geht es kilometerlang durch eine Hochebene mit zerkluefteten Felsen aus Vulkangestein, die wir auch beklettern duerfen. Und dann folgen nach und nach drei Lagunas, Bergseen, einer schoener als der andere. Sie sehen ein wenig aus, wie der Salar, weil sie teilweise mit einer weissen Kruste bedeckt sind, aber, sagt Nelson, bei einer seiner wenigen Erklaerungen, das sei kein Salz, sondern Borax, ein seltenes Mineral, das an einigen der Seen auch abgebaut wird.

SONY DSCUnterwegs passieren wir immer wieder grosse Lama-Herden, die das karge Gruen abgrasen. Spaeter auch die ausschliesslich wild lebenden Vicuñas. Je hoeher wir kommen, desto weniger Pflanzen sind zu sehen. Schliesslich passieren wir eine Wueste, in der gar nichts mehr waechst. Es gibt nur eine leicht abschuessige Flaeche aus Sand und Geroell. Einzige Abwechslung bieten hier die Spuren der Touristenjeeps.

SONY DSCHighlight ist die letzte der vier Lagunen, die wir besuchen, die laguna colorada. Sie ist rot. Dunkelrot, zumindest in grossen Teilen. Der Rest ist weiss, vom Borax oder durch andere Mineralien. Und mitten drin stehen – wie auch schon bei den anderen kleineren See, hier allerdings zu hunderten – Flamingos. Man steht daneben und schweigt – atemlos in der duennen Luft auf 4.300 Metern ueber dem Meer. Man versucht das irgendwie in ein Foto einzufangen – zwecklos. Fuer den Gesamteindruck aus rot-weissem See, Flamingos, dem hier kraftige wehenden Wind und den schneebedeckten Berggipfeln im Hintergrund muss man schon herkommen. Diese Reise lohnt auf jeden Fall. Und zumindest fuer die Regenzeit duerfte gelten, das Highlight der Salar-Tour ist keinesfalls der Salzsee.

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Und noch fehlt ja der dritte Tag. Um 5 Uhr frueh sollen wir aufbrechen, um dann Geysire zu besuchen, die frueh morgens besonders stark sind, dann geht es rauf auf bis zu 5.000 Meter und am Ende, kurz vor der Grenze zu Chile, lockt noch ein weiterer farbiger See, diesmal in gruen. Dort, so mein Plan, will ich auststeigen und in das nur eine Stunde entfernt liegende San Pedro de Atacama fahren, in die Atacama-Wueste im Norden Chiles. Und von dort ueber Nordargentinien zurueck nach Bolivien. Weil das die einzig moegliche Busverbindung in dieser kaum bewohnten Berggegend ist. Weil ich vor einem Jahr bei meiner Argentinienreise nur bis Salta gekommen bin und ich mir nun den Rest angucken koennte. Weil es alles perfekt passt. Aber …

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… nach einer kurzen, schlaflosen Nacht auf 4.300 Metern ist klar, ich kann nicht weiter. Mein Magen rumpelt, ich renne gerade noch rechtzeitig zum Klo, das sich zum Glueck gleich neben unserem Sechs-Bett-Zimmer befindet, in dem die Matrazen auf aus Stein gebauten Gestellen liegen.

Es ist das uebliche Phaenomen einer Lateinamerikareise. Dies hier aber ist mehr als eine Magenverstimmung. Alles muss raus. Entweder unten oder oben.War es das Essen gestern Abend? Oder der Wein? Dann haetten es die anderen auch, aber denen geht es gut. War es die Hoehenluft? Oder die Ueberdosis Glueckshormone?

Ich lasse meine nette Reisetruppe allein gen Sueden weiterfahren – und mich auf der Rueckfahrt nach Uyuni wieder mitnehmen. Damit verpasse ich zwar die Gelegenheit nach Chile zu kommen. Aber ich gewinne ein paar Stunden, um mich zu erholen. Die nette Aymara-Frau vom Hostel macht mir eine mate de muña, einen Tee mit einem hier im Hochland wachsenden, sehr intensiven und an Minze erinnernden Kraut. Schmeckt sehr gut. Aber nach 20 Minuten will es auch raus. Ich renne wieder zum Klo.

Hilfe bringen erst eine Reihe von Tabletten, die Rakel mir spaeter ueberlaesst. Sie hatte letzte Woche dasselbe in Sucre. Vier Tage, sagt sie, dann war es bei ihr wieder in Ordnung.

Die Rueckfahrt dauert elend lange sieben Stunden. Aber ich ueberstehe sie ohne einen einzigen Klogang – es ist aber auch einfach nichts mehr drin, was rauswollen koennte. Zurueck in Uyuni leiste ich mir ein Einzelzimmer mit Bad – was mich allerdings auch nur 9 Euro kostet. Der nette Typ von der Reiseagentur, bei der ich die Tour gebucht hatte, hat es mir schnell vermittelt und auch meinen Rucksack dorthin getragen. Ich zahle erstmal fuer zwei Naechte, sehr zur Ueberraschung der Frau an der Rezeption. Denn eigentlich bleiben fast alle Touristen nur eine Nacht in Uyuni – um dann die Salar-Tour zu machen und gleich anschliessend mit dem Nachtbus nach La Paz zu fahren. Wie Marco und Rakel. Oder mit dem Nachtzug Richtung Argentinien. Wie Emanuelle und Antoin. Oder sie kommen erst gar nicht wieder, weil sie nach Chile fahren. So Valentina. Oder wie ich es zumindest geplant hatte.

Ich will Ruhe haben. Fuer meinem Magen. Fuer meinen schlaffen, mueden Koerper. Und ich brauche Zeit, um mir eine neue Route fuer die letzte Woche meiner Bolivienreise auszudenken. Chile und Argentinien sind gestrichen. Tupiza im Sueden Boliviens klingt verlockend, allerdings sind die Busverbindungen dorthin schlecht. Ich koennte auch mit dem Nachtbus zurueck nach La Paz – und von dort noch irgendwo andershin in der Naehe. Coroico soll sehr schoen sein.

Aber das entscheide ich fruehestens morgen. Heute versuche ich Bananen zu essen. Und Aepfel. Scheint zu funktionieren.

 

 

3 Responses to “Gesalzenes Glueck: Der Salar und die Bergflamingos”

  1. So’n Driss! 🙁
    Ich wünsche Dir gute Besserung und dass Du Deine spannende Reise baldigst fortsetzen kannst – auch wenn Du Deine Pläne ändern musstest.

  2. […] dem Rueckweg in der Calle Florida ruft eine junge Frau, hey, du bist doch der, der auch bei der Salar-Tour war. Ich gucke sie an und tatsaechlich, eine Franzoesin, die im zweiten Hostel am Nachbartisch […]

  3. […] Teilen befahrbar, dafür bekommt man diese unglaublichen Spiegelungen zu sehen. Ich habe die Drei-Tages-Tour für 750 Bs. gebucht. Sie führt am zweiten Tag zu mehreren wunderbar gelegenen Bergseen mit Flamingos, am […]

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