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Hidschab Metal – die Indonesierin mit dem Speedsound

Es gibt so Abende, die beginnen mit einem Link und plötzlich saust man in einen andere Welt, die man so nicht für möglich gehalten hat. Bei mir war es heute der Post eines Kollegen auf Facebook. „Irgendwie ist mir heute so nach: Rocken“, schrieb er da und verlinkte darunter dieses Video:

Krass fetter Heavy Metal. Der Song „Hourglass“ der Band Lamb of God läuft im Hintergrund, die Gitarre wird von einer jungen Frau dazu mit einer technischen Raffinesse gespielt, die einen umhaut. Und dann? Ja genau, das Outfit, das so gar nicht zur Musik passen mag: die junge Frau trägt Kopftuch. „Hab das aufgenommen, bevor ich zur Schule gegangen bin. Hoffe, euch gefällt das“, schrieb Meliani Siti Sumartini noch dazu, als sie das Video im März 2014 auf ihrem youtube-Kanal MelSickScreamoAnnie hochlud. Offensichtlich hat es sehr vielen gefallen, bis heute wurde es weit über eine Millionen mal gesehen.

Aber wer ist diese sehr junge Frau mit dem schnellen, schweren Sound? In ihrem youtube-Kanal schreibt sie: „born in Garut, October 1997, i love art, i’m Indonesian (Sundanese), nice to meet you :)“. Sie stammt also aus einer Stadt auf der indonesischen Insel Java und ist vor kurzem gerade erst 18 Jahre alt geworden.

Und sie ist, wie viele Menschen in ihrem Alter, ein heavy user der sozialen Medien. Schon über ihren youtube-Kanal erfährt man, dass sie bereits seit mindestens 2011 Gitarre spielt und Coversongs aufnimmt, dass sie seither jede Menge Stücke nachgespielt hat, keineswegs nur Metal, sondern zum Beispiel auch „Salted Wound“ von Sia aus dem Soundtrack der Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“.  Oder dass sie – wenn ihr langweilig ist – noch ganz andere Videos macht, zum Beispiel experimentell rückwärts gedrehte.

Unübersehbar aber ist ihre große Liebe ausgerechnet zu Heavy Metal Music – genauer gesagt zu den komplexeren Arrangements des Technical Death Metal, wie sie auf ihrer Facebook-Seite angibt. Und dass Meliani Siti diesen sehr speziellen Hang wiederum mit einem jungen, langhaarigen Mann namens Grizaldi Adipramasatya teilt, der ebenfalls sehr schnell und gut Gitarre spielen kann. Beide zusammen haben einen weiteren Videokanal, G&M Guitars, auf dem man sie im Duett rocken sehen kann. Grizaldi wiederum bezeichnet Meliani auf seiner Facebook-Seite als „my gf 2015“.

Jüngster Knaller der beiden ist das erst vor einer Woche hochgeladene Stück „Indonesian Sundanese Metal“, in dem sie diesmal nichts gecovert, sondern vor allem Pelog, eine traditionelle indonesische Tonleiter verwendet und in moderne Musik transponiert haben:

Zusammen machen die beiden nicht nur Heavy Metal, sondern auch Songs mit akustischer Gitarre, wie man im nächsten Video sehen kann, dass sie in Bandung gedreht haben:

In Bandung, einer Millionenstadt auf Java, studiert Meliani Siti seit diesem Jahr Visuelles Kommunikationsdesgin, wie sie auf Facebook schreibt. Denn Zeichnen, das erfährt man ihren Social-Media-Kanälen (natürlich ist sie auch bei Twitter und Instagram), ist neben Musik und Video ihre dritte Leidenschaft.

Nur eins mag eben – zumindest aus europäisch westlicher Sicht – nicht so einfach nachvollziehbar sein. Wie passt die Leidenschaft dieser kreativen Teenagerin für Metal-Rock, die ja offensichtlich über bloßes Fantum weit hinaus geht, zu einer jungen Kopfttuch tragenden Frau im größten muslimischen Land der Welt?

Meliani Siti Sumartini jedenfalls scheint sehr überzeugte Trägerin des Hidschab zu sein. Mitte Juni postete sie ein Foto, das offenbar die Beerdigung einer in Tücher gehüllten Frau zeigt, versehen mit der Aufforderung: „Dear Sisters! One day you will be covered from head to toe. Don’t let your last day on earth be the first day you wear hijaab!“ Und sie selbst schreibt dazu: „Sharing is caring ❤ No matter how bad you are and feel unready for it, WEAR IT. You SHOULD wear it. Don’t mind about our bad attitude (it’s a difference).“

Gern wüsste man mehr, über ihr spezielles Verhältnis zu Rock und Religion. Man findet auch ein längeres Video aus dem indonesischen Fernsehen, in dem sie viel erklärt, aber eben nicht auf Englisch. Auf der Plattform ask.fm hat sie viele Fragen beantwortet, doch ebenfalls nur die wenigstern auf Englisch. So erfährt man zwar, dass sie nicht raucht und schon als 16-Jährige für Bands wie Obscura, oder die deutsche Death-Metal-Combo Necrophagist schwärmte, von der sie kürzlich den Song „Stabwound“ gecovert hat,

auch weiß man nun, dass sie selbst ihr Gitarrenspiel für ausbaufähig hält („i’m still learning. i think i’m not that amazing“). Sogar zu religiösen Fragen äußert sie sich. So beantwortet sie die Bitte, ihr Haar zeigen, schlicht mit „nein, danke“ und einem Smiley. Und als das größte Geschenk, das sie je bekommen habe, bezeichnet sie den Koran. Nur wie das alles zusammenpasst, bleibt offen.

Antwort findet man nur indirekt, in einem Ende Oktober erschienenen spanischen Artikel, den Meliani umgehend auf Facebook gepostet hat. Darin geht es um die 42-jährige Brasilianerin Gisele Marie, einer Heavy-Metal-Gitarristin, die anders als die Indonesierin sogar den Niqab trägt, also auch ihr Gesicht verschleiert. Die sagt in dem Artikel: „Die Musik ist meine Arbeit und der Islam ist meine Religion. Ich mische die beiden Dinge nie. Wir müssen frei bleiben, um Kunst zu kreieren.“ Was Melianie Siti davon genau hält, kann man sich nur denken. Sie hat den Artikel kommentarlos gepostet.

Aber vielleicht ist das ja auch egal, und ihr ist einfach nur irgendwie nach rocken.

NACHTRAG: Auch wenn es meinem westlichen Klischee nicht entspricht, Indonesien hat offensichtlich einen weitaus größeren Bezug zu Heavy Metal als gedacht. Sogar der Präsident Joko Widodo ist bekennender Metalhead, wie bei seiner Wahl 2014 die Fachpresse, aber auch politische Medien betonten. Letztere berichtet gar von einer nicht unerfolgreichen Bandszene in dem Land. Zudem erfährt man, dass „Jokowi“ unter anderem auf Lamb of God abfährt, ganz wie die junge Rockerin Meliani.  Die Verbindung zur Musik hatte sogar schon politische Auswirkungen. So forderten Anfang 2015 international bekannte Rockergrößen, wie der Gitarrist von Black Sabbath, der einstige Guns-N-Roses-Sänger Axl Rose, sowie die Band Napalm Death ihren Fan, den Präsidenten, auf, zwei Australier zu begnadigen, die wegen Drogendelikten zum Tode verurteilt worden waren. Doch Widodo blieb gnadenlos, die Australier wurden zusammen mit sechs weiteren Verteilten hingerichtet. 

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