grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Jerusalem: die Kriegsdienstverweigerer

Die Menge auf dem kleinen Platz am Rande der Yafo Street ist nicht groß, aber laut. Eine Trommel gibt den Rhythmus vor, ein Mann ruft etwas durch ein Megaphon, andere klatschen und rufen Slogans im Takt, an die zehn Plakate werden hoch gehalten. Ab und an müssen die drei Polizisten vor Ort die Menschen wieder sanft auf die Seite der Straße drängen, damit die laut bimmelnde Straßenbahn durch die ansonsten verkehrsberuhigte Hauptstraße vor unserem Hotel fahren kann.
Leider kann ich kein Hebräisch, verstehe nichts, nicht die Slogans, nicht die Plakate. Die Menge ist offenbar aufgewühlt, mal geht es hin, mal her. Es sind durchweg junge Menschen, die hier skandieren. Vielleicht Studierende?

Erst beim näheren hinschauen wird klar: die rund 50 Menschen sind gar keine Gruppe, sondern zwei. Da sind im inneren Kern die Hauptdemonstranten, die sich um Megaphon und Trommel gruppieren, teils auf einer Bank stehen, damit die bestimmt zehn Menschen mit Kameras, teils professionelle Journalisten, teils offensichtlich selbst Aktivisten, mitten in dem Gewühl sie besser filmen und fotografieren können. 
Und da sind die anderen, die außen drumherum schreien, wütend gestikulieren, Mittelfinger in die Luft strecken und versuchen, der inneren Gruppe die Plakate zu entreißen. Nach und nach gelingt das. Sie werden zerknickt, zerrissen und in kleinen Teilen wild durch die Gegend geschmissen – oder als eine Art herabwürdigendes Konfetti auf die Kerngruppe mittendrin, die das Gezerre demonstrativ ruhig erträgt. 

Nur ab und an, wenn einer der Gegendemonstranten allzu heftig wird, geht ein Polizist dazwischen und schiebt ihn sanft zur Seite. 
Die beiden Gruppen sind schwer zu unterscheiden. Beide sind leger, westlich gekleidet. Einziger Unterschied: die meisten der außen Schimpfenden tragen Kippa, wenn sie sie nicht im Gerangel schon verloren haben. 

What is this about?, fragt eine Passantin einen der Kippa-Träger. They want to deal with the palastines, antwortet der erbost. Sie wollen mit den Palästinensern verhandeln! Daher die Aufregung?, fragt die Frau. Ja, was denn sonst, sagt der Mann und guckt, als könne er den Sinn der Frage nicht verstehen. Die, sagt er und fuchtelt mit dem Finger in Richtung der Kerngruppe, wollen über die, wie sie es nennen, besetzten Gebiete reden. Er schüttelt seinen Kopf.

Als alle Plakate bis auf eines, das sich später als Pappschild eines Gegendemonstranten entpuppt, heruntergerissen und zerstört sind, zieht die Gruppe rund hundert Meter weiter eine Seitenstraße hoch. Dort gibt es noch eine kleine Kundgebung. 

Der Mann mit dem Gegenplakat steigt derweil auf einen Poller, kommentiert wütend und laut das Geschehen und streamt seine Sicht der Dinge offenbar mit seinem Handy ins Netz. 

Und ich bekomme endlich mal Gelegenheit, einen der Demonstranten aus der Kerngruppe zu fragen, was sie genau wollen. Wir sind Kriegsdienstverweigerer, erklärt der junge Mann mit den lange Haaren. Wir lehnen es ab, zur Armee zu gehen, weil wir gegen die Besetzung Palästinas sind. 

Eigentlich müssen alle Israelis zur Armee, Frauen für zwei Jahre, Männer sogar für drei. Sie müssen dann stets eine Waffe tragen, die selbst nachts griffbereit sein muss. Wer sie verliert oder noch schlimmer, sie sich klauen lässt, muss ins Gefängnis, hatte uns ein Freund erzählt, der bei der Armee war. Die teils sehr jungen Menschen werden an Grenzposten eingesetzt und an den unzähligen Stellen im ganzen Land. Zur Sicherheit. Den Finger am Abzug, um der anhaltenden Gefährdung duch palästinensische Extremisten etwas entgegensetzen zu können. 

Der Militärdienst ist Pflicht für alle, außer für die Ultraorthodoxen, die das aus religiösen Gründen ablehnen. Aber die spielen hier in Israel eh eine sehr besondere Rolle. 

Wir sind aber fast alle säkular, sagt der Mann von der Gruppe, die sich Mesarvot nennt. Das heiße verweigern, erklärt er. 

Und das geht so einfach? Verweigern?, frage ich. In einem Land, in dem selbst Babykleidung mit dem Schriftzug der Israel Defence Forces verkauft wird? 

Nein, sagt der Mann mit den Flugblättern. Man müsse das Land verlassen. Oder es drohe Verhaftung. Natalia, die Frau die da gerade ins Megaphon rede, sagte, habe 110 Tage im Gefängnis gesessen. Ein Video ihrer Rede finde ich später bei Facebook, auch Mesarvot hat live gestreamt. 

Ich will wissen, ob diese kleine Demo regelmäßig stattfindet. Ob Protest und Gegenprotest ein vielleicht schon wöchentliches Ritual seien. Nein, sagt der Langhaarige. Das hier sei ein erster Versuch. Wir sind dabei, uns zu organisieren, eine wachsende Gruppe. Im ganzen Land seien Sie derzeit 96. 

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