grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Carla Bozulich & Sturle Dagsland @ West Germany

Ich weiß, ich bin spät dran. Nicht weil es schon halb zehn ist. Das ist eine angemessene Zeit für das West Germany. Aber es ist schon 2014, was nichts anderes bedeutet, dass es den Club im Neuen Kreuzberger Zentrum schon seit etwa neun Jahren gibt, wie aus diesem auch schon zwei Jahre alten Text hervorgeht. Und ich war immer noch nicht da – darf man ja eigentlich gar nicht sagen.

Aber jetzt wird ja alles anders. Jetzt ist es halb zehn an einem Freitagabend. Ich habe die unscheinbare Betontür in der Skalitzer Str. 133 gefunden, neben der das Schild „Schatz e.V.“ hängt. Und – na so völlig geheim ist der Club ohne Internetpräsenz und Türschild dann doch nicht – an der Tür hängt tatsächlich ein Plakat, das das Konzert ankündigt: „Bozulich“ steht da drauf, und Carla Bozulich will ich hören, ich bin richtig.

Das West Germany ist ein kleiner Club oben im zweiten Stock der 70er-Jahre-Neubauten am Kottbusser Tor. Und auch wenn hier schon seit einigen Jahren Konzerte veranstaltet werden, sieht das ganz so aus, als hätten die Betreiber ungefähr vorgestern mal eben ein paar Trennwände rausgeschmissen, ein paar Lampen an die halbzerstörte Deckenverkleidung gehängt – und fertig. Berlin halt. Am Ende des maximal 40 Quadratmeter großen Hauptraums ist eine kleine Bühne, rappelvoll gestellt mit Mikroständern, Schlagzeug, Gitarrenhaltern und ein paar Bierkisten, auf denen weitere elektronische oder akustische Instrumente rumliegen.

Mittendrin hockt – wie auf einschlägigen Internetseiten angekündigt – pünktlich um 21.45 Uhr die Vorband Sturledagsland. Rechts ein vollbärtiger Youngster mit Gitarre, links ein Typ mit E-Cello. Und dazwischen eine junge Frau, die ihr wuschelig wallendes Haar über das tief über die Gitarre gebeugte Gesicht fallen lässt. Die feinen Beine stecken in leicht löchrigen, blauen Strumpfhosen, sie trägt ein weites Flickenhemd und eine rote Schleife im Haar. Sie beginnt auf den Saiten zu zupfen – und zu singen. Hell, klar, fragil.

Bis sie dann nach den ersten Takten das Haar schüttelt, den Kopf hebt … und ihr ebenfalls vollbärtiges Gesicht zeigt.

Wer ist das? Conchita Wurst? Nein, das ist Sturle Dagsland aus Trondheim, Norwegen, der hier zusammen mit seinem Bruder Sjur und dem Cellisten Musik macht. Eine seltsame, extatische, leicht wahnsinnge Performance legen die drei da hin. Mal klingt Dagsland ein wenig wie Björk, nicht nur entfernt wegen seiner Stimme, sondern auch wegen der sprunghaften, experimentellen Songstrukturen. Obwohl Songs? Sind das Songs? Oder eher Stücke? Ja, wohl eher Stücke, die manchmal kaum länger sind, als die langen Pausen dazwischen, die die drei benötigen, um Instrumente und Effektgeräte vorzubereiten und umzuverteilen.

Schnell wird klar: Sturle Dagsland hat mindestens ein bis zwei Macken. Er grabbelt sich am Ohr, er beißt zwischendurch in ungeschälte Kiwis oder Zitronen, er singt mit den wild tanzenden Fingern, so dass man immer gleich an „Der Schrei“ von Edvard Munch denken muss (der ja auch aus Norwegen kommt). Er haut wie eine wilde Furie mit dem Paukenschlegel auf das vor ihm stehende Blech, er greift sich an die Gurgel, um die Stimme noch mehr zu verzerren, er verdreht die Augen, er ist eindeutig irre, irre ergreifend. Und was sind schon ein bis zwei Macken, wenn jemand mal eben ein halbes Dutzend Instrumente spielt – oder sagen wir mal: nutzt. Neben der Gitarre noch Trommel, Blech, Akkordeon, ein Holzkästchen mit tongebenden Metallstäben daran, ein nie gesehenes Blasinstrument und diverses perkussives Zeugs. Mal schnell gegriffen, mal genauso schnell zur Seite gelegt.

Und die Musik? „The next song is also a song“, erklärt Dagsland, „that we want to play“. Und dann kommt sowas:

Es ist: Theater. Explosion. Feiner, zerbrechlicher Lärm. Wirres Zeug. Schizophrener Gesang. Dagsland tanzt im Sitzen, wirft die blaubestrumpften Beine hoch, lässt seine nackten Füße kreisen, springt auf, rauft sich das Haar, brabbelt an seinen Lippen herum, scheint rückwärts zu singen. Kräht, wimmert, jault, verzerrt das alles noch durch irgendwelche Geräte. Versinkt am Bühnenboden zwischen all dem Kram der da steht und hämmert auf irgendwas rum.

Einen Hit wird dieser junge Mann mit seiner Musik wohl nie haben. Aber selten hat man einen Sänger gesehen, der so aus sich herausgeht. Ein musikalisches Rumpelstilzchen.

Am Ende verliert er erst sein rotes Haarschleifchen. Und nach der letzten Kakophonie reist er dann alle Saiten von der Gitarre. Etwas übertreiben vielleicht. Aber wenigstens ist an dieser Stelle klar: Dieses unglaubliche Konzert ist vorbei.

War das jetzt eins dieser West-Germany-Konzerte, die bereits richtungsweisend sind, bevor sie überhaupt stattgefunden haben, wie der tip mal geschrieben hat? Keine Ahnung, es war ja nur die Vorgruppe.

Der Hauptact kommt ja noch. Carla Bozulich. Die Amerikanerin wurde als Heroine des Art-Punk angekündigt. Sie tritt mit Schlagzeuger, zweitem Gitarristen sowie einem Keyboard, Geige, Flöte, Laptop und Perkussion bedienenden Multiinstrumentalisten auf die Bühne. Und füllt den kleinen Raum schon mit dem ersten Song bis zum Überlaufen mit Sound.

Doch dann ist gleich eine Saite ihrer Gitarre gerissen, zudem vermisst der Multiintrumentalist  seinen Geigenbogen. Den fischt Carla dann nach minutenlangem akrobatischen Einsatz aus einer Ritze unter der Bühne hervor. Nur das Konzert mag danach nicht mehr so richtig in die Gänge kommen, was schade ist, denn Bozulich ist offenbar so eine Art weiblicher Nick Cave, die weiß wie man mit einer E-Gitarre sägt, die tiefschwarze, traurige Songs genauso wie lauten Krach berherrscht, die über Stimme wie Bühnenpräsenz verfügt – und der am Ende vor allem die Zeit wegläuft.

Im letzten Song, „Don’t Follow Me No More“, steigt Bozulich von der Bühne ins Publikum, greift sich einzelne heraus, fällt in ihre Arme – und singt mit ihnen. „Was gibt es großartigeres, als wenn du deinen Lover um einen Gefallen bittest und er ihn dir erfüllt?“,  fragt sie danach und gibt selbst die Antwort: „Wenn er, ohne dass du was gesagt hast, von alleine drauf kommt. Danke fürs Mitsingen!“

Und dann ist es vorbei. Denn nach 24 Uhr geht nichts mehr im West Germany – die Nachbarn.

Später, draußen auf der Dachterasse des Clubs, von der man, wenn man sich ein wenig reckt, einen wunderbaren Blick auf die Hochbahn am Kottbusser Tor hat, stehen die Besucher und rauchen noch ein wenig. Sie reden italienisch und spanisch. Manchmal sogar gebrochen englisch. Willkommen in Kreuzberg, 2014!

One response to “Carla Bozulich & Sturle Dagsland @ West Germany”

  1. Schade! Nicht zuletzt die Darbietungen lesen und hören sich spannend an und ich war nicht dabei, sondern auch der Club. Aber der Beschreibung nach ist der wohl nix für Rollifahrer. Schade!

    Aber Berlin hat ja noch so viel mehr zu bieten – auch für Rollifahrer – und ich freue mich auch schon wieder auf meinen Besuch bei herrn grimo im Juli.

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