grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Tagebau bei Nacht und Garcia Marquez als Witz

Eiskalt zieht es die Beine hoch. Dabei kann das eigentlich gar nicht sein. Die Hosenbeine stecken längst in den Socken. Und die Kälte kommt von oben. Aus dem Klimagebläse in dem Nachtbus von San Gil nach Santa Marta.

Auch so eine Sache, von der vor wenigen Jahren in Kolumbien noch dringend abgeraten wurde: Nachtfahrten. Nicht wegen der übertriebenen Klimatisierung der Busse. Sondern weil viel zu gefährlich. Wegen der Guerilla. Oder der Paramiltärs. Oder ganz normaler Überfälle. Aber heute gehört das offenbar zum alltäglichen Standardprogramm. Si es seguro, sagen die, die man fragt. Ja, das ist sicher. Posconflicto.

Leider verpasse ich wegen derNachtfahrt die Schlucht zwischen San Gil und Bucaramanga. Dass heißt, ich kann sie im fahlen Mondlicht erahnen, die steilen Felswände rechts und links der Landstraße. Genau wie den gigantischen Tagebau kurz vor der Schlucht, in dem Dank der Scheinwerfer auch die nachts arbeitenden Bagger und LKW zu sehen sind. Und das Ausmaß der Wunde in der Natur sich erahnen lässt. Das komplette Tal scheint hier umgegraben zu werden, auf der Suche nach was auch immer.

Ich habe schon Fotos von rücksichtslosen gigantischen Tagebauen in Lateinamerika gesehen, meist in Peru, wo bei der Suche nach Gold und anderen Rohstoffen auch noch hochgiftige Chemikalien eingesetzt werden – auch wenn die Anwohner mit dem Slogan „Wasser ist wertvoller als Gold“ protestieren. In echt gesehen, hatte ich sowas noch nie. Jetzt habe ich zumindest eine Ahnung davon bekommen.

Durch die Nachtfahrt spare ich einen Tag, schließlich braucht der recht bequeme Bus mit Schlafsesseln 13 Stunden für die Fahrt in die Stadt an der Karibikküste. Kolumbien ist groß. Und Busreisen dauert, auch wegen der vielen Serpentinen durch das Bergland. Der zweite und längere Teil dieser Nachtreise geht zwar schon durch das nördliche Flachland. Aber es dauert trotzdem.

Dafür kann ich, so ein Zufall, den Film von meiner letzten Fahrt zu Ende gucken. Da wurde eine schrecklich Klischee beladene Familienkomödie mit Drew Barrymore und Adam Sandler gezeigt, in der sie zwei Söhne und er drei Töchter hat, und sich alle am Anfang gaaaanz doof finden, nur um sich dann nach einer Romantikreise in ein unerträglich klischeehaftes Touristen-Südafrika, das … ach egal, am Ende kriegen sich alle. Das war von der ersten Minuten an klar.

Und auch nach der ersten Hälfte des Films, die ich auf der Fahrt nach San Gil sehen musste (Ignorieren fällt in den Bussen echt schwer, auch wenn die amerikanischen Schauspieler hier so hübsch Spanisch parlieren).

Jetzt fährt also der Nachtbus los und was läuft im TV? Genau die gleich Klamotte. Und netterweise sind die ersten 45 Minuten schon um. Falls jetzt jemand auf die Idee kommt, dahinter stecke ein ausgeklügelter Serviceplan der Bus-Company. Nein, kann nicht sein. Es waren zwei verschiedene.

Soweit zur internationalen Filmkultur. Wie weit Literatur eine Gesellschaft prägen kann, zeigt sich bei einem kurzen Halt an der Strecke. Während ein Passagier aussteigt, lachen sich draußen die wartenden Taxifahrer kaputt. Was sie so amüsiert? Es geht um eine Frau namens Soledad. Und der immer wieder wiederholte Witz, über den sich die Taxistas gar nicht einbekommen geht so: Cien años de Soledad! Prust!!! Also: hundert Jahre Einsamkeit – der Roman von Gabriel Garcia Marquez. Nur dass Einsamkeit, also Soldedad im Spanischen auch ein Frauenname sein kann. Haha ha!

Gabriel Garcia Marquez: ein Witz! Das geht wohl nur im Herkunftsland des Literaturnobelpreisträgers.

Irgendwann geht die Sonne auf. Und dann liegen rechts der Straße die Ausläufer der Sierra Nevada, das mit über 5.000 Metern höchste Küstengebirge der Welt, und links der Straße große Kohleberge. Mit Förderbändern – bis zum dahinter liegenden Meer. Und dort dann dicke Frachtschiffe. Das muss sie sein, die Karibik in Kolumbien.

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