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Der graue Bulli & Beuys – Kunst in Düsseldorf (3)

„Die Fahrzeuge, die den neuen Kurs nehmen, stehen also bereit. Sie bieten Platz und Arbeit für alle.“ Joseph Beuys, „Aufruf zur Alternative„, FR, 23.12.1978

Joseph Beuys, The pack (das Rudel), 1969, VW Bus, 24 Schlitten mit Fett, Filzdecke, Gurten und Stablampe, 200 x 400 x 1000 cm, Kassel, Museumslandschaft Hessen Kassel, Neue Galerie, Foto: G. Bößert © VG Bild-Kunst, Bonnen Kassel, Neue Galerie, Foto: G. Bößert © VG Bild-Kunst, Bonn

Das war ja eigentlich klar. Kaum nähert man sich der Kunst ein wenig an, schon kommt der Aufpasser noch näher und raunt: „Nur gucken! Nicht anfassen!“ Blöder geht es ja eigentlich gar nicht. Ich stehe noch gut zwei Meter von einem der 25 Schlitten enfernt. „Nie käme ich auf die Idee. Ich bin doch keine Putzfrau!“, entrüste ich mich. Aber der Aufpasser kapiert gar nichts. Wie denn auch, wenn er keine Ahnung hat. „Ich habe mich mit dem Werk von Beuys nicht beschäftigt“, erzählt er fast stolz. Dumm stolz. Und während ich mich noch frage, wie er das machen kann, als Aufseher, der nichts anderes tut, als monatelang in der großen Düsseldorfer Beuys-Ausstellung zu stehen, ergänzt er noch: „Aber eins weiß ich: Wenn Sie das Werk beschädigen, dann kann man der Künstler das nicht mehr reparieren. Denn Joseph Beuys ist schon tot!“

Wahnsinn. So viel geschultes Personal hätte man nun tatsächlich nicht erwartet im K20. Frisch ausgebaut präsentiert der Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung „Parallelprozesse“ mit so ziemlich allem von Joseph Beuys, was man bekommen konnte. Und die Schau beschäftigt sich vor allem mit einer Frage: wie kann man die Kunst von Joseph Beuys 25 Jahre nach seinem Tod präsentieren, wenn doch der Künstler fast wichtigster Teil seines Werkes war. Ist. Immer sein wird.

Die Ausstellung ist in drei Teile gegliedert. Der erste bewirkt vor allem eins: er lässt den Besucher allein. Allein mit einer Fülle von Zeichnungen, die der junge Beuys, der mittelalte Beuys, ja auch noch der späte Beuys anfertigt hat. Die kleinen Erklärschilder daneben erklären leider gar nichts. Außer, dass es sich hier um Zeichungen auf Papier handelt. Dass Staub verwandt wurde. Oder Filz. Oder Braunkreuz. Wirklich erfahrbar wird das Werk des Künstlers hier nur an einer Stelle. Ein kleiner Fernseher zeigt Videoaufnahmen von einem Fluxus-Happening mit Beuys an der Uni in Aachen in den 1960er Jahren.  Und vor allem die heftigen Reaktion, das explosive Unverständnis, die anschließenden Diskussionen darüber, die weniger im Kunstzirkel, als in Hochschulgremien geführt wurden.

Der Rest dieses ersten Ausstellungsabschnitts mag interessant sein. Vielleicht ist er gar erhellend, wenn man mit dem mittlerweile üblichen Audioguide herumläuft. Wer aber Kunst ohne Kopfhörer erfahren will, hat keine Chance. Zumindest nicht bis zum letzten Raum des ersten Abschnitts. Denn dort steht die raumgreifende Installation „Das Rudel“. Ein uralter, grauer VW-Bulli und 25 Schlitten. Das muss man nicht sofort verstehen. Aber man sieht, man spürt etwas. Man hat das Gefühl, sich dem Werk annähern zu können. Mental. Nicht physisch. Und dann kommt der eingangs erwähnte Aufpasser und macht alles kaputt.

Ja, ja, ja, ja, ja. Ne, ne, ne, ne, ne.

So heißt das erste Werk, dass endlich einmal ungestört rezipiert werden kann. Eine Audioinstallation, die aus nichts weiter besteht, als der unendlichen Wiederholung der titelgebenden Worte. Abgespielt im Aufgang mit der architektonisch wunderbaren, langen, weißen Treppe hinauf in das obere Geschoss.

Dort findet sich dann der zweite Teil. Im wesentlichen in einem großen Saal. Er wirkt auf den ersten Blick ein wenig, wie das Lager abgestellter Reste von irgendwas. Der Künstler ist tot. Sein Material aber liegt noch herum. Genau darum geht es auch. „Das sind so genannte Ablagen“, erklärt die freundliche junge Frau, die sich überraschenderweise zum klärenden Gespräch anbietet. Das entpuppt sich tatsächlich als das allerbeste an den „Parallelprozessen“. Immer Samstags von 17 bis 21 Uhr stehen KunstgeschichtsstudentInnen im K20 herum, und erklären Beuys. Reden darüber. „Denn das Reden über die Kunst, war ein wichtiger Teil seine Arbeit“, sagt die Kunsthistorikerin, bevor sie dann noch eben eins der hier abgestellten Werke erklärt.

Zu sehen ist ein schwarzer Flügel. Auf ihm steht ein altes Telefon. Und die Fußpedale des Instruments. Darunter liegt eine Gasflasche mit der Aufschrift „Oxygene“. Dahinter steht eine der Beuys-typischen, mit Kreide beschriebenen Tafeln. Dies seien die Überreste einer der letzten Beuys-Performances, erklärt die junge Erklärerin. Der Künstler selbst sei viel zu krank gewesen, um selbst noch daran teilzunehmen. Deshalb habe er darum gebeten, per Telefon zugeschaltet zu werden, um Anweisungen zu gebeten, etwa drüber, was auf die Tafel geschrieben werden solle. Zu Beginn des angekündigten Konzerts sei das Ventil der Sauerstoffflasche geöffnet worden. Und die Performance habe exakt so lange gedauert, wie das lebensspendende Gas aus der Flasche strömte. Anschließend habe der Galerist alles zur Seite geräumt und dabei die Pedale des Flügels auf das Instrument gestellt. Beuys selber habe dann später gesagt: so lassen wir es. Fertig ist die Kunst. Beziehungsweise die Ablage davon.

Die sich auch heute noch verändert. Schließlich, so haben wir gerade gelernt, ist das Reden über das Werk Teil der Kunst. Die junge Historikerin somit in letzter Konsequenz Teil der Installation. Das, schränkt sie ein, könne sie ja nicht entscheiden. Aber der Betrachter, in diesem Fall ihr Zuhörer, kann als aktiv denkender Mitkünstler durchaus genau auf diese Idee kommen. Und die Frau und ihre Erklärungen zum Werk als sinnstiftenden Teil desselben hinzudefinieren. Schließlich ist seit Beuys jeder ein Künstler. Wenn er nur will. Selbst als Ausstellungsbesucher.

Ähnlich anschaulich wird der Umgang des Künstlers mit seinem Werk im dritten Abschnitt.  Hier ist unter anderm die Installation „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ aufgebaut. Dazu gehören seltsame Objekte am Boden. „Fragen?“, fragt auch hier eine wegweisende Kunststudentin. „Hunderte“, denkt man. „Zum Beispiel, warum diese Formen, so … hm … wie …. wie soll man sagen …?“ „Wie Häufchen aussehen?“, ergänzt die Wissende mit einer freundlichen Umschreibung und betont, dem Künstler selbst sei es vor allem um das Organische der Formen gegangen, in die er Werkzeuge wie Pinsel eingebaut habe, bevor sie in Bronze gegossen wurden. Beuys selbst habe diese Installation über fast 30 Jahre immer weiter entwickelt. Immer wieder Dinge hinzugefügt. Diese mehrere Dutzend „Häufchen“, erläutert sie dann noch, habe er selbst gar nicht mehr installiert. Er habe nur die Anweisung hinterlassen, dass derjenige, der die Installation aufbaue, die Plastiken einfach im Raum ablegen solle, ohne sich jede Art von Gedanken zu machen. Einfach so. Das wiederum provoziert natürlich die Gegenfrage, ob man dann nicht mal eben eins der Häufchen verschieben könne, ohne das Werk im Sinne des Künstlers zu beschädigen. Schließlich würden die Plastiken dann immernoch – ganz wie von Beuys vorgeschrieben – irgendwie gedankenlos im Raum liegen. Aber das geht der Kunsthistorik-Studentin dann doch zu weit. Schade eigentlich. Denn spätestens hier wäre man doch als Jedermann gern zum teilnehmenden Künstler geworden. Vielleicht hätte Beuys das sogar geliebt. Man wird es nicht herausfinden können. Denn der gute Mann ist ja tot. In diesem Punkt zumindest, hat der Rudel-Aufpasser recht.

Deutlich unterrepräsentiert in den „Parallelprozessen“ ist Joseph Beuys politisches Werk. Es wird eigentlich nur an einer Stelle sichtbar. In einem unscheinbaren Rahmen hängt eine vergilbte Seite der Frankfurter Rundschau. Es ist die Ausgabe von Weihnachten 1978, mit Beuys eingangs zitiertem „Aufruf zur Alternative“. Man sollte sich Zeit nehmen, ihn zu studieren.

Aber nur an einem Samstagabend. Denn an allen anderen Tagen ist man im K20 allein mit Joseph Beuys Werk. Und ohne den Dialog mit den Historikerinnen ist die komplette Kunst verschenkt.

Das umgebaute K20 ist im Prinzip perfekt ausgebaut für Besucher im Rollstuhl. Und wäre da nicht die lange Rampe zum Eingang und die für Rollifahrer nicht ganz einfach zu bewältigende Drehtür am Eingang, bekäme das K20 von uns die Höchstnote. So gibt es immerhin 5 von 6 möglichen Rollis:

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Eine kleine Großartigkeit findet sich dann noch etwas abseits der Beuys-Ausstellung im Labor des K20. Dort lässt die Künstlerin Karin Sanders die Ausstellungsbesucher – so sie denn Lust haben – scannen und verwandelt sie nach und nach in dreidimensionale Skulpturen im Maßstab 1:8. Selbst die Farbe seiner späteren Figur darf sich der gescannte Besucher selber wählen. Eigentlich ist nur eins daran bedauerlich: Bis zum Ende der Ausstellung sollen rund 500 Figuren produziert werden. Es wurden aber schon jetzt weit über 1000 Besucher gescannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Herr Oppermann und ich künftig als museales Kunstwerk reproduziert werden, ist daher leider gering.

Noch mehr Kunst in Düsseldorf gibt es hier!

2 Responses to “Der graue Bulli & Beuys – Kunst in Düsseldorf (3)”

  1. Leonie sagt:

    Eine spannende Ausstellung. Aber kann mir einer die Aussage vom grauen Bulli erklären? Ich tue mich immer etwas schwer damit, Kunst richtig zu interpretieren :). Nichtsdestotrotz schaue ich sie gerne an und habe auch an dem Bulli Gefallen gefunden.

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