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Der Regenwald (4. Tag): Realitaeten und Legenden

dsc01498.jpgEs ist schon der letzte Tag. Die Zeit vergeht im Fluss. Die Sonne brennt erneut auf unsere Koepfe. In einem Baum sitzt ein Tucan, den ich erst erkenne, als er los fliegt und seinen riesigen Schnabel in die Luft hebt. Und Jorge erzaehlt. Vom Leben den Menschen in Lagunas. Dass es nicht einfach ist, hier eine Arbeit zu finden. Und noch schwieriger eine gut bezahlte. Vor allem fuer die Frauen. Wer etwa als Kindermaedchen bei einer Familie arbeite, verdiene 70 Sol. Das sind nur gut 20 Euro. Es ist der Monatslohn! Als Koechin bei einer Familie bekomme man 80, manchmal 90 Sol. Das sei der uebliche Monatsverdienst mit dem die zahlreichen alleinerziehenden Frauen hier sich und ihre Kinder durchbringen muessen. Ein Ding der Unmoeglichkeit. Einige gingen deshalb nach Lima, dort bekaemen sie immerhin rund 300 Sol pro Monat, plus Essen und Unterkunft. Hilfe von den Vaetern der Kinder sei eher die Ausnahme. Viele Frauen haetten schon als 20-Jaehrige zwei oder drei Kinder, oft von verschiedenen Maenner, die sich dann nicht mehr blicken liessen.

Bei den Maennern sind die Verdienstmoeglichkeiten nur unwesentlich besser. Ein Tageloehner bekomme fuer Arbeit auf dem Feld oder aehnlichem rund 10 Sol am Tag, also gerade mal 3 Euro. Viele junge Maenner wuerden daher weggehen, etwa nach Yurimaguas. Dort gebe es einen Palmoelfabrik, die zahle 14,50 Sol pro Tag, fuer 8 Stunden ununterbrochene, harte Arbeit in der Sonne. Zum Vergleich: Die Fahrt mit dem Schiff von Yurimaguas nach Lagunas kostet 25 Sol. Bei solchen Loehnen versteht man dann auch, warum ueberall im Land die Menschen am Strassenrand sitzen und irgendwelche Dinge zum Verkauf anbieten.

Jorge erzaehlt auch noch von weiteren Legenden des Waldes:

Es war einmal ein Paar, das hatte 12 Kindern. Um alle satt zu bekommen, haette man jeden Tag einen ganzen Tapir benoetigt. Deshalb beschlossen die Eltern eines Tages, zwei ihrer Kinder in den Wald zu bringen. Denn mit nur noch 10 Kindern, so meinten sie, koennten sie ueber die Runden kommen. So ging der Vater mit dem sechsjaehrigen Sohn und der vierjaehrigen Tochter tief in den Wald. An einer trockenen Stelle sagte er ihnen, sie sollten dort warten, er gehe jetzt auf die Jagd. Tatsaechlich aber ging er auf anderem Weg nach hause. Die beiden Kinder warteten und warteten. Dann begannen sie zu rufen, aber vergeblich. Zwei Tage sassen sie schon im Wald, dem Tode nah. Da kam die Mutter des Waldes, Mutter Natur vorbei. Manche sagen, sie sei die Frau des Duende. Sie nahm sich der Kinder an und damit sie ueberleben konnten, verwandelte sie sie in zwei Voegel. Der Junge musste sechs Purzelbaeume machen, dann war er ein kleiner Vogel, der froehlich zwitschert. Das Maedchen musste sich zweimal ueberschlagen, dann war es auch ein kleiner Vogel, aber einer von der Art, die traurig singen. Bis heute kann man im Wald hoeren, wie das Maedchen sehnsuchtsvoll nach seinen Eltern ruft. So erzaehlen es sich die Leute.

Es war einmal ein sehr alter Mann, der fuhr zum Fischen hinaus, weil er und seine Frau nichts mehr zu essen hatten. Nach langer Fahrt sah er einen grossen Fisch im Wasser. Er zielte mit seiner Harpune auf ihn und traf. Aber der Fisch starb nicht. Im Gegenteil, er wehrte sich. Er schwomm von dannen und zog das Kanu mit dem alten Mann an der Harpunen-Leine hinter sich her. Immer weiter weg vom Haus des alten Mannes. Irgendwann musste er aufgeben. Er kappte das Seil und fuhr mit leeren Haenden nach hause. Kein Fisch, nicht einmal mehr eine Harpune hatte er, um andere Fische zu fangen. Er war sehr taurig. Am naechsten Tag aber kam die Polizei und nahm ihn fest. Er habe ein Verbrechen begangen, wurde ihm vorgeworfen. Angeblich soll er einen Polizisten angegriffen haben. Sie brachten ihn in ein Krankenhaus, in dem ein Polizist im Sterben lag. In seiner Seite steckt die Harpune des alten Mannes. Denn er hatte bei seiner Jagd einen Delfin getroffen, der bekanntlich ein Zwitterwesen ist, halb Fisch, halb Mensch. In diesem Fall war es ein Delfin, der sich in einen Polzisten verwandeln konnte. So erzaehlen es sich die Leute des Waldes.

Jorge selbst glaubt an die Wandlung der Delfine. Das sei Fakt, sagt er. Als junger Mann sei er einmal allein mit dem Boot unterwegs gewesen. Da habe er von weitem in einer Bucht einen Menschen gesehen, der sich immer wieder setzte und dann wieder aufstand. Als er naeher kam, sei der Mensch in den Fluss gesprungen und nicht mehr aufgetaucht. In der folgenden Nacht aber habe er den Menschen im Traum wiedergtroffen. Nun seien es zwei Frauen gewesen, die sich ihm am Flussufer genaehert haetten. Sie seien sehr verliebt in ihn gewesen und haetten ihn sehr beturtelt. Schliesslich habe auch er sich immer mehr in die beiden Frauen verliebt. Er habe es gar nicht mehr erwarten koennen, bis es wieder Nacht wurde und er erneut von ihnen traeumen konnte. Halb verrueckt sei er geworden. Schliesslich habe er seinen Eltern von den Traeumen erzaehlt. Die seien sehr erschrocken gewesen, denn es sei ja klar, dass es sich hier um Sirenen handele, die versuchten, ihren Sohn in den Fluss zu locken. Als erstes verboten sie ihm, weiter in den Wald zu fahren. Dann holten sie einen Schamanen, der es schliesslich schaffte, Jorges Liebe zu den Sirenen in Hass zu verwandeln, so war er ihnen nicht mehr verfallen.

Das FaultierDann entdeckt Jorge ein Tier am Ufer. In einer stacheligen Palme knapp über dem Wasser sitzt ein Faultier. Jorge paddelt ganz nah ran, neckt das Tier ein wenig mit seiner Machete, das fährt erbost seine Krallen aus – in Zeitlupe.

Kurz vor unserem Ziel paddeln wird unter einem Baum hindurch. Allenfalls einen halben Meter entfernt von meinem Kopf hockt in einem Blatt eine schwarze Spinne mit haarigen Beinen. Eine Tarantula, erklaert Jorge gelassen und paddelt weiter. Vom Parkeingang zureck nach Lagunas werden wir wieder von einem Motortaxista gefahren. Unterwegs sammelt er noch ein paar Fischer ein. Sie zahlen am Ende mit einem Teil ihres Fangs. Der Fahrer waehlt sich einen dicken, schoenen Fisch aus. Es ist ein Pyrana.

Der Reisende und Jorge, der Kanu-Guia

One response to “Der Regenwald (4. Tag): Realitaeten und Legenden”

  1. Man, man, man, sooo schnell kann man gar nicht lesen, wie Du schreibst 😉

    Wann geht’s eigentlich wieder zurück?

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