grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Hanoi, der Inder und die Karaokeshow

Vivek und die vegetarische SuppeVivek sitzt im Hotel Venus neben mir am Computer. Checkt seine Mails. „Any plans  for tonight?“, und schon ist man erst im Gespraech, dann in der Karaokebar und schliesslich um einen indischen Freund reicher. Aber von vorn. Vivek kommt aus Indien. Jetzt hat er mich adoptiert. Denn ausser  Singapore, wo er gerade lebt, und ein bisschen Thailand hat er noch nichst von der Welt gesehen. Abgesehen natuerlich von Indien. Da war er fast ueberall. Im  Norden. Im Sueden. Im Westen. Stets mit dem Motorrad. Dann hatte sein bester Freund einen Unfall undverunglueckte vor Viveks Augen. Seither hat er das biken aufgegeben.

Bei der Beerdigung lernte er die Cousine seines Freundes kennen. Spaeter haben sie geheiratet. Dann hat sie einen Job in Singapore bekommen, deshalb lebt er jetzt dort. Und versucht Arbeit zu finden. Sein Land hat er auch verlassen, weil er sich dort als animal activist gegen den Handel mit Schlangen etc. eingesetzt hat. Einmal hatten er und seine Gruppe einen Haendler bis vors Gericht gebracht. Sein Laden wurde von der Polizei geschlossen. Einen Tag spaeter war er wieder auf – unter neuem Namen, nur ein Buchstabe wurde veraendert. Stattdessen wurde Vivek bedroht. Er fuehlte sich nicht mehr richtig wohl daheim.

Jetzt tourt er drei Wochen durch Vietnam. Allein mit einem Motorrad, das er sich hier in Hanoi gekauft hat. In Ho Chi Minh Stadt will er es wieder verkaufen. Und stattdessen mit seiner Frau noch eine Woche auf einer Tropeninsel verbringen. Die trifft er dort. She is a good wife. Sie hat ihm gesagt, fahr wieder Motorrad! Das ist das, was dir Spass macht. Dein toter Freund haette es auch so gewollt. Geniess deine Zeit. But be carefull!

Der Manager unseres Hotels hat Vivek von einer netten Karaokebar erzaehlt. Wir sollen mitkommen. Wir, das sind zwei hollaendische Physiotherapeuten, die Vivek am Flughafen getroffen hat, und ich. Die Bar ist aber nicht um die Ecke. Die Bar ist auf der anderen Seite des grossen Flusses. Der Manager setzt uns in ein Taxi. Der Manager fuehrt uns in die Bar, wir werden bestaunt wie Ausserirdische. Der Manager singt vietnamesische Schmachtsongs. Der Hollaender glaenzt mit einem Stueck von Take That. Der Computer gibt ihm 100 Punkte. Mehr ist nicht moeglich. Der Computer hat recht.

Die Kellner bringen Bier. Fuer jeden zwei Flaschen.  Wir moechten erstmal nur eine. Der Kellner bringt einen Teller mit geschnittenem Obst. Wir wollten keinen. Der Kellner bringt nochmal zwei Bier fuer jeden, die wir nicht nehmen. Wir singen Beatles-Songs. Beatles gehen immer. „Hey Jude“.

Die Rechnung ist europaeisch. 150.000 Dong, 6 Euro fuer jeden. Unser singender Manager sagt, das passiere manchmal. In solchen Bars wuerden Touristen gern ausgenommen. Wir fragen uns, wer uns eigentlich hierher hergefuehrt hat. Und bleiben dabei: ein wundervoller Abend.  Ausserdem muss noch jemand das Taxi fuer den Rueckweg zahlen.

Am naechsten Tag sind wir zu zweit. Die Hollaender besuchen das Ho Chi Minh Memorial. Vivek kauft Handschuhe. Er will mit dem Motorrad gen Norden. Und schon in Hanoi ist es ziemlich kalt. Vivek waehlt Handschuhe mit Strickmuster. Er will von mir wissen, ob das weiblich aussieht. Er will sich schliesslich nicht laecherlich machen.

Dann gehen wir essen. Das ist nicht ganz einfach. Vivek ist Vegetarier. „By birth and by choice“. Seine Familie sind Bramahnen. Die essen kein Fleisch. Und ausserdem ist er Tierrechtler. Er kennt sich mit Schlangen aus. Er weiss, wie man sie baendigen kann. Und dass sie trotzdem gefaerlich sind. Einmal lag er drei Tage im Koma, nach einem Biss. Ein Freund hat ihn gerettet und in letzter Minute ins Krankenhaus gebracht.

Jetzt bin ich sein Freund und bekaempfe seinen Hunger. Die Garkuechen am Strassenrand sind zahlreich. Ueberall liegen die Zutaten zur Mischung bereit. Nudeln, Reis, Gemuese. Aber immer auch Fisch. Oder Fleisch. Oder Huhn. Und undefinierbare, weil schon zubereitete Sachen. Wie soll man da sicher sein, dass die freundlichen Frauen in der Garkueche nicht doch Fisch oder Fleisch reinkippen. Schon weil sie kein Wort Englisch sprechen.

Die Köchin in der Garküche bei der ArbeitVivek will schon aufgeben, ich bestelle mir einen dieser kurz gebruehten Suppen. Mit allem. Dann kommt die Rettung. Am Nachbartisch sitzt auf den Minihockern ein junger Vietnamese, der ein paar Worte deutsch kann. Aber „vegetarisch“, „ohne Fisch, ohne Fleisch, ohne Tier ueberhaupt“ versteht er leider auch nicht. Dafuer franzoesisch. Denn deutsch kann er nur, weil er in Paris in der Naehe des Gare du Nord in einem Hotel arbeitet und sich mit den Touristen verstaendigen muss. Richtig gut kann er franzoesisch. Und so uebersetzt der Deutsche die englisch geaeusserten Wuensche des Inders in Franzoesische, damit der in Paris arbeitende Vietnamese sie in seine Muttersprache transformieren kann. Und Vivek bekommt eine hundertprozent vegetarisch Suppe auf den Tisch. Und adopiert mich fuer alle Zeiten als Freund. Spaeter erklaer ich ihm noch, was ein Baguette ist, und dass der baertige Mann, der hier an jeder Ecke auf Postern und Postkarten zu sehen ist, Ho Chi Minh hiess. Und dass er eine gewisse Bedeutung fuer das Land hat.

Leider trennen uns schon am naechsten Morgen die Wege. Aber Vivek und ich wollen uns wiedertreffen. In drei Wochen in Ho Chi Minh Stadt.

Hep gen lai!

Nachtrag 1: In Hanoi sind Autos Statussymbol. Es gibt dicke Limousinen, meist von Toyota und manchmal von Mercedes. Es gibt noch dickere SUVs, meist von Toyoto oder Honda, manchmal von Ford. Kleinwagen gibt es praktisch keine. Und wenn doch, dann ist es ein Taxi. Der Kleinwagen des kleinen Mannes ist das Moped. Damit kommt man durch die Stadt. Autos verursachen Stau. Vor allem in den engen Gassen der Altstadt. Aber das macht nichts. Denn das Auto ist ein Statussymbol. Vietnam ist ein kommunistisches Land.

Nachtrag 2: Vietnam ist ein kommunistisches Land. Woran man das im Alltag erkennen koennte, ausser an den vielen roten Fahnen mit Hammer und Sichel oder mit dem gelben Stern, und an den Parteiparolen, die hier quer ueber  die Strassen gespannt sind, die mir aber bisher niemand uebersetzen konnte oder wollte, weiss ich noch nicht. Die Strassen sind jedenfalls beherrscht von einem kleinhaendlerischen Fruehkapitalismus. Jetzt aber gibt es doch ein untruegerisches Zeichen. Der Zugang zu facebook ist in Vietnam gesperrt. Unter Travellern reicht man die Ausweichadresse www.lisp4.facebook.com weiter. Die funktioniert. Aber auch nicht immer. Und wenn, dann nur teilweise. Facebook geht der Regierung hier offensichtlich zu weit.

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