grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

La Señora de Arico Nuevo

Wenn man nicht aufpasst, fährt man daran vorbei. Kurz vor der 180-Grad-Kurve steht das Ortseingangschild, in der Kurve stehen zwei, drei Häuser, hinter der Kurve steht das Ortsausgangschild. Dann kommt der nächste Barranco und auf der anderen Seite der Schlucht ist schon Arico Viejo. Wir aber wollen nach Arico Nuevo, weil es anders als der Name verheißt, der ältere Teil dieses Bergstädtchens sein soll. Und der schönere. Also kehren wir um.
Aus der Kurve führt auch noch eine Straße ab, immer den Bergkamm entlang sanft herunter Richtung Meer. Alte, verrammelte Häuser reihen sich daran entlang, weiß, die meisten. Menschen sind kaum zu sehen, nur zwei, die auf der Plaza stehen, da wo sich die Straße zum quadratischen Dorfzentrum weitet. Und der eine Autofahrer, der mit einem Affenzahn durch die Gasse düst. Ganz unten, am Ende des Städtchens steigen zwei Polizisten aus einem Pickup, tackern eine Ankündigung an einen Holzpfahl. Die Straße wird gesperrt am …, wegen …, gezeichnet, der Bürgermeister.

Katha fragt eine ältere Frau, die einzige, die am Strassenrand steht, ob es hier irgendwo einen Laden gäbe. Was wir denn kaufen wollen?, will die Señora wissen. Pan, Tomates, Cereales, zählt Katha auf. Brot, Tomaten, Haferflocken. Cereales? No!, antwortet die Frau, dreht sich um und verschwindet durch eine schmale bestimmt drei Meter hohe, blaue Tür – und wartet dort hinter dem Tresen eines nicht mal zehn Quadratmeter großen Lädchens. Es gibt Wein in schön aufgereihten Flaschen ganz oben im Regal, Obst, Gemüse, Brot, ein paar Drogerieartikel.

Früher, erzählt die Señora mit dem sorgfältig onduliertem, weißen Haar, früher habe es drei, vier, fünf solche Läden geben. Einen ganz oben, einen ganz unten, gleich zwei an der Plaza. Aber deren Besitzer seien nach und nach gestorben. Und von den Jungen wolle das keiner weitermachen. Die meisten, sagt sie, zögen ja eh weg. An die Küste. Oder gleich aufs Festland.

Sie klagt nicht, sie stellt nur fest. Viele Häuser hier, sagt sie, seien zu verkaufen. Stimmt, wir hatten auf dem Weg hierher mindestens vier „se vende“-Schilder gesehen. Auch das Haus gleich hier um die Ecke könne man haben, das koste aber 20 Millionen. Und bevor wir noch über den arg hohen Preis stutzen können, übersetzt sie den Preis aus einer alten Peseten-Welt und sagt, das seien rund 80.000 Euro. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu beurteilen, eine für Sie immernoch unvorstellbar hohe Summe.

Sie selbst aber will nicht verkaufen, sie will bleiben, schließlich habe sie ihr ganzes Leben hier in Arico nuevo verbracht. Und eine Enkelin lebe auch noch im Haus, die helfe ihr mit dem Laden.

Unser stattlicher Einkauf summiert sich auf kaum zehn Euro, sorgsam zusammenaddiert mit Stift und Zettel. Als wir gehen, stellt sie sich wieder in die Tür. Es sieht nicht so aus, als ob bald noch jemand käme.

Eins wollen wir dann aber doch noch wissen: wieso der alte Teil von Arico „nuevo“ also „neu“ heißt, der offensichtlich neuere aber „viejo“, also alt? Ach, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Das hätten „die“ entschieden. Und dann ist das eben so.

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