grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Palala, der Likoerhaendler und die Rezeptionistin

Manchmal wuenscht man sich, mehr zu wissen. Erst mehr zu wissen und dann zu handeln. Nicht umgekehrt. Zum Beispiel, wenn man schon eine Stunde durch die wunderschoene Quebrada de Palala noerdlich von Tupiza gewandert ist. Weil man sich hat sagen lassen, dass es da schoen ist. Dass man da gut und gern auch ohne eine gefuehrte Tour hinfahren kann, dass man dann zwar nicht bis zum Ende des Tals kommen wird, weil das zu weit sei, aber dass das nichts macht. Weil es eben auch so schoen ist.

Stimmt! Sehr schoen schoen sogar. Mit dem Micro (dem Stadtbus), der Linie 2 faehrt man bis zur Endhaltestelle und von da sind es nur ein paar Meter, dann oeffnet sich die Quebrada, das Tal. Dass heisst, erstmal verengt es sich. Hinter den Huetten einer Mine stehen die fuer die Gegend um Tupiza typischen, senkrechten und roten Felswaende – hier bilden sie fast einen Art Eingangsportal. Und dann … dann ist da erstmal nur noch Stille. Es ist so still, dass man das Blut in den Ohren rauschen hoert. Oder diesen leisen Tinnitus, den man ansonsten so einfach ignorieren kann. Spaeter erbarmen sich ein paar Voegel und zwitschern ein wenig.

Der Weg fuehrt sehr sanft bergauf, wenn man nicht genau drauf achtet, vergisst man glatt, dass es sich hier um eine Steigung handelt. Im breiter werdenden Tal stehen jede Menge Buesche, ein paar hohe, teils bluehende Kakteen und ein paar kleine, schattenspendende Baeume. Rechter Hand ist ein trockenes Flussbett. Das wars dann auch schon, im Tal.  Dahinter: mal wieder Berge. Mal steil, rot uhnd zerklueftet, mal grau und sanft geschwungen, mal sogar leicht gruen, mal wie ein hoch ueber dem Tal thronender Tafelberg.

Und dann steht da – ungefaehr in der Mitte des Tals nach den gut sechs bis sieben Kilometern Fussweg, die ich mir vorgenommen hatte,  ploetzlich dieses Schild: ganz am Ende des Tals, wird da angekuendigt, befindet sich eine comunidad, eine kleine Dorfgemeinschaft. Man koenne dort sogar uebernachten. Es waere nochmal so weit zu laufen. Aber ich habe natuerlich nichts dabei.  Nur noch ein paar Schlucke Wasser. Nicht mal genug Geld. Soll ich trotzdem weitergehen? Und vielleicht gleich am Nachmittag zurueckwandern. Ich setze mich unter einen Baum zum Nachdenken.

Da kommt ein aelterer Mann aus der Richtung des Dorfes – mit seinem Fahrrad. Tja, ein Fahrrad muesste man haben, das waers jetzt. Er sagt, ja, es sei noch ein ganzes Stueck. Er will wissen, ob ich Regenzeug dabei habe, denn Regenzeit, das weiss ich aus den letzten beiden Tagen, ist hier rund um Tupiza immer nachmittags. Dann donnert es erst ein wenig und schliesslich schuettet es ordentlich. Ich habe natuerlich keine Regenjacke dabei. Der Beschluss steht fest: Ich kehre um. Und falls ich nochmal wieder hier in der Gegend sein sollte, werde ich versuchen mir irgendwo ein Rad zu leihen. Und ein Jacke einpacken.

Als ich umkehre, steht eine Gruppe Lamas  auf dem Weg. Langsam gehen sie zu Seite. Und gucken. Und gucken. Und gucken mich an. Dann wird ihnen offensichtlich langweilig, sie grasen weiter.

Etwas spaeter ruft mich ein Mann zu sich, er sitzt mit zwei Freunden unter einem Baum im Schatten. Sie machen so eine Art Mittagspause. Und trinken. „Wo kommst du her?“, will der Erste wissen. „Hast du eine Zigarette fuer mich?“, fragt der Zweite. Ich bedaure. Dann bieten sie mir einen Schluck an. Es handelt sich offenbar um diesen fast reinen Alkohol, den auch die Minenarbeiter in Potosi getrunken haben. Ich nehme ein winziges Schlueckchen, spucke es aus und entschuldige mich: „Lo siento, aber Alkohol bei dieser Hitze, das bringt mich um, so wie den da“, sage ich und deute auf den Dritten, der regungslos am Boden liegt. „Hast du eine Zigarette?“, wiederholt sich der Zweite, seine mehr als glasigen, schwarzen Augen fallen im fast aus dem Gesicht. Ich bedaure nochmals. „Der ist nicht tot“, sagt der Erste und zeigt auf den Dritten, „der lebt noch!“ Und wie zum Beweis laechelt der Dritte kurz. Ganz kurz. Dann liegt er wieder da – wie tot.  „Hast du eine Zigarette?“, fragt der Zweite und fuehrt seine Finger zum Mund. Der Erste schwaermt davon, wie gut es sich hier auskenne, was er mir alles zeigen koenne, wenn ich morgen wiederkaeme, fuer 20 Dollar oder auch fuer 20 Bolivianos.

Ich bedanke mich hoeflich und bin jetzt fuer einen Moment doch ein wenig froh, dass ich morgen schon weiter muss.  Und nicht mehr Zeit habe, um dieses wunderbare Tal nochmal zu besuchen – in dem die drei Suffkoeppe unter einem Baum sitzen und auf mich warten.

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Abends mag ich dann noch nochmal ein Bier trinken. Das nachholen, was mir gestern versagt blieb. Ich gehe also wieder in meine Lieblings-Licoreria und kaufe ein neues Paceña. Der dicke Typ hinter der Theke erkennt mich wieder. Ich hatte ihn gestern abend auf dem Rueckweg von der Polizeiwache noch kurz gefragt, ob das stimme, dass Alkoholkonsum auf der Strasse verboten sein und ihm erzaehlt, was passiert ist. Jetzt laechelt er. Aber nicht auf der Strasse trinken!, ermahnt er mich. Nein nein, ich denke eher an die huebsche Dachterrasse meines Hostals, die mit dem Sternenhimmel darueber.

Schnell sind wir in ein Gespraech ueber Bolivien vertieft. Ueber die Schoneheit des Landes und ueber die soziale Lage. Sicherlich, sage ich, Bolivien sei kein reiches Land. Und viele Menschen seien sehr arm. Und dennoch habe ich mir das alles anders, schlimmer noch vorgestellt. Denn immerhin scheint  hier niemand ums Ueberleben kaempfen zu muessen, hungern zu muessen. Nein, sagt der Haendler, Hunger gebe es hier nicht, schliesslich wachse ueberall Gemusse und Obst, Essen sei billig, was man den Bolivianern ja auch ansieht. Sie sind eher rundlich als duenn. Aber, sagt er dann, es gebe eine andere Armut hier im Land. Es fehle an Bildung. Am Zugang zur Bildung, zu weiterfuehrenden Schulen und erst Recht zu Universitaeten. Das koennten sich die meisten gar nicht leisten.

Heute frueh hatte ich in einer Zeitung einen Bericht ueber die Lage von Studenten in La Paz gelesen. Wenn sie nicht aus der Stadt selbst kommen, so muessten sie monatlich allein fuer Unterkunft und Essen 1.000 Bolivianos ausgeben, stand dort. Das sind zwar nur etwa 110 Euro, aber fuer eine bolivianische Familie mit ueblicherweise mehreren Kindern duerfte das kaum aufzubringen sein, wenn selbst ein Lehrer im Monat nur 3.000 Bolivianos verdient.

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Im Hostel sitzt Vanessa an der Rezeption. So wie heute morgen, heute mittag und heute nachmittag. Und gestern und vorgestern auch. Ob sie eigentlich immer arbeite, will ich von der jungen Bolivianerin wissen. Das, sagt sie, fragt mich jeder. Sie schmeisst hier offensichtlich den Laden. Die Zimmervermietung und das Buero, das Touren an die Touristen vermittelt. Mal einen dreistuendigen Ausritt, wie bei mir. Mal die Rundreise zum Salar de Uyuni, die man auch von hier aus buchen kann. Sie dauert von hier in Tupiza vier Tage und nicht drei, wie vom naeher am Salzsee gelegenen Uyuni. Dafuer bekommt man unterwegs noch ein paar mehr Lagunen und Vulkane gezeigt.

Vanessa hat gerade versucht, einem hollaendischen Paar die Tour schmackhaft zu machen. Sie ist ihnen sogar ein wenig beim Preis entgegengekommen. Aber die beiden zoegern, wollen es sich erst nochmal ueberlegen und ziehen weiter. Fuer einen Moment lang laesst Vanessa ihr Dauerlaecheln fallen. „Ich muss ganz  schoen kaempfen, kaempfen um die Gruppen zusammenzubekommen“, sagt sie dann. Das Buero hier im Hostel sei zwar eins der ersten gewesen, die die Salar-Tour angeboten haben. Man koenne jahrelange Erfahrung vorweisen, anders als die vielen Konkurrenten, die neuerdings ueberall in der Stadt ihr Glueck mit Billigangeboten versuchen. Aber die Touristen, sagt Vanessa, die achten immer nur auf den Preis.

Ein junger Argentinier ist im Hostal gestrandet. Er laesst sich von Vanessa erklaeren, wie seine Eltern ihn hier anrufen koenne, so dass er sich das Geld fuer das Gespraech spart. Er ist vollkommen Pleite. Am Ende bittet er sie um 40 Bolivianos, sein Bruder, sagt er, werde sie sicher zurueckzahlen, wenn er demnaechst hier vorbeikomme. Vanessa zoegert kurz. Dann holt sie das Geld aus der Schublade unter ihrem Schreibtisch. „Ich mache das, weil ich weiss, wie es dir geht“, sagt sie, „mir ist in Argentinien auch mal das Geld ausgegangen, aber niemand wollte mir helfen.“ Zwar gibt es eine grosse Inflation in Argentinien, aber die Menschen in dem Nachbarland sind alles in allem fianziell immer noch besser gestellt, als die Bolivianer. Deshalb trifft man hier auch so viele Argentinier, hier koennen sie sich das Reisen leisten – bis ihnen das Geld aus geht. Und dank Vanessa auch ein wenig laenger.

Dann will Vanessa von mir alles ueber Deutschland wissen, ueber den Holocaust und Hitler, ueber Mauerbau und – fall und ueber „The Wall“ von Pink Floyd.  Der Film hat sie stark beeindruckt. Ach, sagt Vanessa am Ende, ich wuerde auch mal wieder gerne reisen, aber … .

Beim Gang die Treppe rauf, erinnere ich mich an das Bier in meiner Tasche. Ich steige noch ganz rauf zur Dachterasse. Der Himmel ist wolkenverhangen.

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