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Berlin: Das Mauerpanorama von Yagedar Asisi

Mauerpanorama von Yadegar Asisi // Foto Tom Schulze 2012, © asisi

Ein ganzes Jahr lang bin ich fast täglich an dieser Rotunde vor dem Pergamonmuseum in Berlin-Mitte vorbeigeradelt. Und stets hab ich gedacht: dieser Quatsch, der interessiert mich nicht. Das darin präsentierete gigantische Panorama von Pergamon, das ist doch nur eine populistische Historismusshow.

Und dann bin ich kürzlich an noch so einer Rotunde vorbeigeradelt. Sie steht seit kurzem am Checkpoint Charlie. Und darin befindet sich ebenfalls ein großes Panoramabild: Es zeigt die Berliner Mauer, so wie sie in den 70er und 80er Jahren von Kreuzberg aus ausgesehen hat. Ich war wiederum sehr skeptisch. Aber ich hatte Zeit. Und einen Presseausweis in der Hand, der mir den Eintritt erspart hat. Also bin ich einfach mal rein gegangen. Und was soll ich sagen: Das Bild hat mich

tatsächlich vollkommen überzeugt. Denn es zeigt tatsächlich ein nahezu realistisches Bild vom Leben mit der Mauer. Man sieht den Todesstreifen, die Grenzer, die Teilung der Stadt. Fotorealistisch. Vor allem aber das Leben vor der Mauer, im Westteil der Stadt hat der Architekt und Künstler Yadegar Asisi wunderbar eingefangen. Es gibt die Eckkneipe, den türkischen Laden, die Punks vor dem besetzten Haus, die Mauertouristen, die Graffiti-Maler, die Orginal-Werbung an den Hauswänden und dermaßen realistisch die Umgebung spiegelnde Regenpfützen, dass man sich die ganze Zeit fragt, wie Asisi das so  hinbekommen hat.

Als mir dann auch noch klar wurde, dass er selbst eine sehr persönliche Ost-West-Geschichte hat, (sein Vater wurde als Kommunist im Iran hingerichtet, seine Mutter erhielt Asyl in der DDR, in der er aufwuchs und studierte, bevor er nach West-Berlin ging), war mir klar, dass das alles Thema einen großen Interviews sein könnte, das mittlerweile auch in der taz erschienen ist.

Das Panorama besteht übrigens nicht nur aus dem großen Bild. Dazu gehört auch noch eine Soundcollage, die in einer Endlosschleife abgespielt wird. Die ist beim ersten Eindruck ein wenig pathetisch geraten. Sie reiht die üblichen Politiker-Statements zur Teilung Berlins aneinander. Man bekommt John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner“ genauso zu hören wie Walter Ulbrichts „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten„.

Spannend ist aber auch diese Collage. Denn sie lässt die Orgininalzitate in ihrem Umfeld erklingen. Da klingt zB. das weithin bekannte Honecker-Zitat, nachdem die Mauer auch in 100 Jahren noch stehen wird, plötzlich ganz anders. Denn tatsächlich sagte Erich Honecker im Januar 1989, die Mauer „wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.” Nun darf man wohl davon ausgehen, dass Honecker damit sicher nicht den Mauerfall 10 Monate später gemeint haben könnte. Aber ganz so absolut, wie gemein bekannt, klingt das Zitat mit dem einschränkenden Nachsatz nun auch nicht mehr.

Insgesamt lohtn der Besuch der Mauer-Rotunde, auch wenn der Eintritt mit 10 Euro nicht ganz billig ist. Aber man kann und sollte sich ja drinnen Zeit lassen, um die vielen kleinen Details zu entdecken. Dazu könnte übrigens ein Opernglas oder ähnliches sehr hilfreich sein.

Rollstuhlfahrer können die Rotunde übrigens problemlos betreten, da Eingang und Halle vollkommen ebenerdig sind. In den ganzen optischen Genuss des Bildes kommen sie leider jedoch nicht. Denn es ist so konstruiert, dass man den opitischen 3-D-Effekt des Panormabildes nur hat, wenn man in der Rotunde auf ein rund vier Meter hohes Baugerüst klettert – für Rollifahrer ist das leider ein Ding der Unmöglichkeit.

Man kann das Bild zwar auch von unten anschauen. Allerdings sind dann die Perspektiven leicht verzerrt.

Gut für RollifahrerGut für Rollifahrernicht so doll für Rollifahrernicht so doll für Rollifahrernicht so doll für Rollifahrernicht so doll für Rollifahrer

PS: Zur Vorbereitung des Asisi-Interviews hatte ich mir dann auch schnell noch sein Pergamon-Panorama angeschaut. Es war noch wesentlich detaillierter und kleinteiliger als das Mauer-Bild und ebenso sehenswert – wurde aber Mitte Oktober geschlossen. Panorama-Fans können sich aber auch noch weitere Projekt von Yadegar Asisi in Leipzig und Dresden anschauen. Infos unter asisi.de

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