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Das Glück erfunden: All diese Gewalt @ Roter Salon

Mit „Die Nerven“ hat Max Rieger in den letzten zwei Jahren die Republik an die Wand gespielt. Das Post-Punk/Noise-Rock-Trio dürfte zweifelsohne eine der derzeit besten deutschen Livebands sein, die Textabstraktion, Soundgewitter und minutenlang tosende Stille miteinander verbinden kann. „Die Nerven“ sind die Zukunft, eigentlich sogar die Gegenwart deutscher Rockmusik. Im Wortsinne herausragend. Wer sie noch nicht live gesehen hat, sollte es bei nächster Gelegnheit nachholen. Und wer verstehen will, was die Band ausmacht, muss vor allem ihr erste echtes Album „Fun“ anhören.

Mit „All diese Gewalt“ bringt der Nerven-Gitarrist Max Rieger nun auch noch sein Nebenprojekt, das bisher eigentlich nur aus komplett von ihm selbst eingespielten Aufnahmen bestand, von denen man die älteren bei Bandcamp findet, und die neusten auf dem viel gelobten Album „Welt in Klammern“, live auf die Bühne.

Zum Glück.

Denn bei „All diese Gewalt“ steht Rieger mit einem zweiten Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger auf der Bühne und gemeinsam lassen sie einen Sound entstehen, der – ja, klar  – auch ein wenig an Die Nerven erinnert, der aber langsamer ist, vielschlichtiger noch als die keineswegs einfachen Stücke der Nerven, der sich langsamer aufbaut, wie ein riesiger, dunkler Turm, schwankend, sich biegend, ohne dass man auch nur eine Sekunde lang Angst haben muss, dass er einstürzt.

Obendrauf zuckt der blonde Schlacks mit seinen eckigen Schultern, singt, spricht und schreit seine Texte, seine Abstraktionen ins Mikro und man fragt sich, wow, was ist das für einer, ein junger Nick Cave in blond, nur nicht ganz so düster?, eine Reinkarnation von Blixa Bargeld, nur frisch und nicht so affektiert theatralisch, ein neuer Dirk von Lowtzow, aber ernster ohne den verspielten Gimmick der frühen Tocotronics, ein Jochen Diestelmeyer, wie man ihn seit „L’etat et moi“ vermisst?

Sicher ist nur eins: Max Rieger ist gerade mal 23. Und dieses Konzert hat das Publikum gefangen.

Man muss ihn gesehen haben. Mit „Die Nerven“. Mit „All diese Gewalt“, die viel zärtlicher sind, als es der Name vermuten lässt – weil er gerade die Rockmusik in Deutschland um Klassen nach vorne bringt.

Als Vorband im Roten Salon der Volksbühne trat Klez.E auf, eine billig einfache und enttäuschend banale Kopie von The Cure (wer das nicht beim ersten Gitarrenton kapiert hatte, musste sich nur die Vogelnestfrisur des Sängers anschauen) mit deutschen Texten, die in gefühltem jedem zweiten Lied das Wort „Wespen“ erwähnten. Fast hatte man den Eindruck, die Kombination mit dieser Vorband sollte nur die Extraklasse des Hauptacts unterstreichen. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen.

 

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