grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

El Flamenco de Alma und der Tanz des Spatzes

Die Hand. Wie der Kopf eines Schwanes. Die Finger gerade, gestreckt, gespannt. Wie die Sehnen im Unterarm, der hinaufführt über die leichte, kaum wahrnehmbare Wölbung des Bizeps, über die kurzen Ärmel des blauen Kleides, der Hals, auf dem der Kopf sich dreht, langsam erst, dann mit einem Ruck, nein einer sanften Drehung, die aber schnell und präzise. Der ganze Körper Anspannung pur. Ein paar Schritte. Ein leichtes Klack-Klack-Klack auf dem Boden, er ertönt. Die Augen, dieser geworfene Blick, wie ein Kugelstoß. Noch eine Drehung, zurück zum hinter ihr sitzenden Cantor, dem Sänger, und jetzt, wie ein leichtes Zittern erst, dann aufgeregt angespannt, der erste Schlag der Castagnetten, die mit den Händen tanzen, die die Arme mit sich ziehen, reißen, die Schultern, das Kinn, das Feuer im Blick, ein Tremolo, Crescendo, ein wildes, wütendens, nein erwartungsvolles Stampfen, nochmal, nochmal, zurück in die lautlose Spannung, zurück in das krachende Klappern der Holzschalen an den zarten Fingern, die sich wenden, biegen, bis sie sich völlig dreht, ein Schritt auf ihn zu und drei zurück.

Und dann. Ayayay!, ruft der Cantor, der hinter ihr sitzt. Und das Duett beginnt.

Aber ist es ein Duett? Oder ein Duell? Seine raue Stimme ruft sie, seine Arme sind ein Flehen, die Barthaare am Kinn, das leicht gegeelte, schwarze Gezottel oben am Kopf, alles schreit nach ihr, in diesem einem, Ayayay, das fast noch zart ist, wenn man bedenkt, was da noch kommen wird, jetzt kommt.

Die Gitarre. Sie drängt. Sie drängt sich ins Bild, scheppert fast, schneidet, treibt. Ist Rhythmus pur, zusammen mit den Händen, den klatschenden, des Cantors und seiner Begleiterin, und denen des jungen Mannes auf dem Cajon, der seine Kiste schlägt.

Und die Frau tanzt. Sie ist Leiden und Verlockung pur. Gleichermassen und gleichzeitig. Die nackte Haut ihres Rückens ist ein Versprechen, die hochgereckten Brüste stechen durch den Stoff des immer tiefblauer scheinenden Kleides.
Die Arme, ja Schwanenhälse jetzt, zwei, umschmeicheln ihr Gesicht. Fast meint man ein Lächeln, möchte man ein Lächeln dort sehen. Aber nein, Entspannung erlauben hier nur die Kaskaden der klappernden Kastagnetten.
Und das alles ist immer noch erst der Anfang.

Beim Spaziergang durch den Regen von Sevilla hatte ich ein unscheinbares Plakat an einer Hauswand entdeckt. Es versprach „Flamenco con otro sol“ – Falmenco mit einer anderen Sonne, was auch immer das heißen mag. Die genannte Adresse findet man im Viertel Macarena, das der Welt vor allem durch einen gleichnamigen penetranten Sommerhit bekannt wurde. Tatsächlich ist das im Norden der Altstadt Sevillas gelegene Barrio eins der schönsten, interessantesten. Kleinere Häuser an den sehr engen Gassen, weniger Touristen, weil die sich die eher im Süden stehenden Highlights der Stadt rund um Kathedrale und Alcazar anschauen oder in der Mitte shoppen gehen. Stattdessen trifft man hier ein junges, studentisches, auch internationales Publikum. Und eben auch das Kulturhaus la casa ensamblá ganz am Ende einer Sackgasse an der Calle Clavellinas, das laut Selbstbeschreibung im Internet wegen der Notwendigkeit gegründet wurde, einen Platz für alternative Kulturen zu schaffen. Ein echtes Bedürfnis also, ein Verlangen.

Eintritt: 4 Euro. Da kann man nicht viel falsch machen. Herr Oppermann ist dennoch nicht dazu zu bewegen mitzukommen. Er sitzt in seinem regennassen Hemd unter dem Sonnenschirm einer der vielen schönen Bars an der breiten Alameda de Hercules. Und will hier nicht mehr weg, auch wenn es angeblich nur 5 Minuten zu Fuß sind. Denn für ihn heißt das bei diesem Kopfsteinpflaster: mindestens 10 Minuten heftiges Geruckel, dazu Regen von oben und Pfützen von unten und am Ende eine Musik, die ihm nicht ganz so zusagt. Ich kann ihn verstehen – und gehe allein.

Das Kulturhaus besteht aus einem kleinen Saal, in dem Sofas, Sessel, Liegen und Stühle in Halbkreisen um die Bühne gestellt sind. An den Wänden hängt expressive Kulturhausmalerei. Im Vorraum gibt es Bier für einen Euro. Und selbstgemachtes Sushi von einer Asiatin, die gleich auch auf die Bühne treten wird, um das Programm anzukündigen. Es gibt drei Tänzerinnen an diesem Abend. Jede wird ein Stück aufführen, tanzen, interpretieren, sein. Sie entstammen wie die Musiker aus dem Umfeld einer Flamenco-Schule hier in Sevilla. Das Publikum ist ihnen offensichtlich zum großen Teil freundschaftlich verbunden. Man begrüßt sich allerorten mit den ortsüblichen Wangenküssen.

Die Tänze sind ein Rausch. Die Rhythmen für mich unzählbär. Die Texte leider kaum verständlich, mal besingt der Cantor offensichtlich begeistert leidend die Tänzerin, mal trauernd über seine verstorbenen Eltern.

Alle drei Tänzerinnen haben ihren jeweils eigenen Stil. Kastagnetten nutzt nur die erste, die zweite ist Inbrust pur, die dritte scheint einen von Höhen geprägten und von Tiefen durchsetzten Freudentanz aufzuführen, bei dem der Cantor erstmals nicht auf seinem Holzstuhl sitzend bleibt, sondern im Stehen singt. Zum Finale kommen nicht nur die drei Tänzerinnen, sondern auch noch zwei weitere junge Frauen, die ebenfalls irgendwie zum Team gehören, auf die Bühne, alle zusammen starten eine dieser unglaublichen, gegenrhytmischen Klatschorgien, bevor jede der fünf Frauen, erst die beiden hinzugekommenen in Jeans und T-Shirt, dann die drei anderen in ihren Flamenco-Kleider kurze Soli tanzen. Und dann ist Schluss.

Olé, ruft es aus dem Publikum.
Draußen regnet es immernoch. Aber was macht das schon.

Am Freitagmorgen regnet es sogar noch heftiger. Mein Morgenspaziergang fällt deutlich kürzer aus als geplant, ich schaffe es gerade die wenigen Meter von unserm Hostal zur Alameda, esse unter dem Vordach des ersten Cafés meine Banane und gehe dann doch noch weiter, wenigstens auf die andere Seite der Alameda, denn da hatte ich am Vortag ein kleines Café gesehen, das sich in einem schmalen Raum hinter einem der auf dieser Seite üblichen schönen Vorgärten befindet. Drinnen haben neben der Bar noch vier winzige Tischchen Platz, die Wände sind bis oben hin voll mit Buchregalen, in denen Literatur in verschiedenen Sprachen steht.

Hier will ich meinen café con leche genießen.

Die Kellnerin unterhält sich gerade mit dem einzigen Gast, einer junge Frau, die hier frühstückt, tostadas con mermelada y café. Es ist …, kann das sein …?

Eres bailadora?, frage ich sie. Die Tänzerin, von gestern Abend? Die mit den Schwanenhalsarmen. Die mit den klackernden Kastganetten. Mit dem rückenfreien Kleid. Sie ist es. Sie lacht. Sie heißt Alma.

Sie ist Französin, ihr Vater Engländer, ihre Mutter Spanierin. Seit ihrer Kindheit tanzt sie, seit fünf Jahren auch Flamenco. Sie heißt Alma Ryan. Auf den gestrigen Abend, sagt sie, habe sie sich mit den Musikern seit Jahresbeginn vorbereitet. Geprobt. Herausgefunden, was zusammen geht.
Die Struktur der Lieder sei im Flamenco im wesentlichen Vorgegeben. Es gebe verschiedene Typen, die sich vor allem im Rhythmus unterscheiden. Sie zum Beispiel habe eine Siguiriya getanzt, das sei ein Trauerlied, bei dem man immer bis fünf zählen müssen. Alma hebt und senkt ihre Hand, langsam, fünf mal, lässt sie sie sanft neben den Teller mit der tostada fallen, klopft auf den Tisch, die Finger tanzen, da ist er wieder: der Kopf des Schwans.
Innerhalb dieser Strukturen aber, erklärt Alma, seien Tänzerin und Sänger frei, man könne mit ihnen spielen, Abfolgen variieren, Elemente auslassen, wiederholen, wenn alles stimme, sei das wie ein improvisiertes Duett zwischen Gesang und Tanz. Oder manchmal auch ein Duell?, frage ich.  Ja, sagt sie mit einem Lächeln, manchmal ist das auch ein Duell.

Ein Spatz fliegt zur Tür herein ins Café, flattert um ihren Tisch, setzt sich auf die Lehne eines freien Stuhles, starrt begierig auf Almas Marmeladenbrot. Fliegt davon nach einem Wink ihrer Hand, kommt zurück, hüpft über den Boden zwischen den Tischbeinen, fliegt wieder auf, raus, nochmal rein. Flattert.
Dass sie ihren Tanz gestern Abend  ganz ohne Musik begonnen habe, nur mit der Anspannung ihres Körpers, die sich erst im Klang der Kastagnetten löst und dann im einsetzenden Gesang von Cante und Gitarre, das, sagt Alma nicht ohne Stolz, sei ihre Idee gewesen. Eigentlich gegen die klassischen Regeln des Flamenco. Aber sie habe das so gewollt.
Der Spatz kommt zurück, flattert kurz, heftig, fast wie ein Kolibri in der Luft stehend, schwankt leicht nach links, nach rechts. Alma klatscht kurz in die Hände. Der Vogel dreht noch eine Runde.
Auch Elodie, die dritte Tänzerin des Abends habe gegen die klassischen Regeln der Puristen verstoßen, weil sie wie Alma und Laura, die zweite Tänzerin, ebenfalls in einem dunklen, ja schwarzen Kleid aufgetreten sei, sagt Alma. Denn Elodie hat eine Alegria getanzt, ein fröhliches Lied, und dazu gehöre nun einmal ein Kleid in hellen, leuchtenden Farben, gern bunt gemustert, aber niemals schwarz. Doch Alma hat das gefallen, das habe Elodies Tanz einen schönen Kontrast gegeben, eine dunkle Note, muy negro.
Olé!

Wenn das jemand rufe im Publikum, sagt Alma, oder besser noch, einer der Musiker, am besten aber: die selbst, dann mache das niemand einfach so aus einer Laune heraus. Dann sei das ein Verlangen, ein Bedürfnis, wie ein Stupsen zunächst, hier, sie stößt ihre Hand sanft in die linke Seite, ein Ruck geht durch ihren Körper, zieht die Rippen hinauf, jede einzelne fast, die Schulter spannt, der Hals streckt sich, der Kopf fliegt nach hinten, die Höhe der Stirn, der Bruchteil einer Sekunde. Dann müsse das raus, erklärt Alma.

Olé!

Sie nimmt den letzten Bissen ihres Marmeladentoast und stellt den Teller mit den Krümeln auf den freien Nachbartisch. Damit der Spatz sich bedienen kann. Aber der hat gar kein Interesse, er möchte nur weiter flattern um Almas Tisch.

Was soll man auch sonst tun, bei dem Regen da draußen.

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