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Sand, Tschick, Plüschgewitter: Herrndorf rückwärts

Es gibt ja Leute, die entdecken gute Autoren gleich bei der Veröffentlichung ihres ersten Buches, lesen dann jede Zeile und klopfen sich noch Jahre später ordentlich auf die Schulter, weil sie ja schon immer wussten, dass aus diesem Autor mal was wird. Dann gibt es die Anderen, die erst über einen Autor stolpern, wenn seine Bücher an der Supermarktkasse liegen. Und dann gibt es noch diejenigen, denen solche Romane dann schon wieder so supekt sind, dass sie sie erst gar nicht zur Hand nehmen. Bei Wolfgang Herrndorf gehörte ich eindeutig zur dritten Kategorie. Dessen Roman „tschick“ springt einem bei jedem Buchhandlungsbesuch so penetrant ins Auge, dass man da eigentlich nichts von halten kann. Zum Glück

gibt es nette Menschen, die einem dann doch überzeugen. Bei mir begann es mit Herrndorfs wolfgang-herrndorf_sand.jpgletztem Roman „Sand“, den ich zu Weihnachten geschenkt bekam. Das ist ein hervorragendes Stück Literatur. Es spielt in den 70ern und irgendwo in Nordafrika. Ich hab beim Lesen stets Tunesien vor Augen gehab. Auch wenn der Roman selbst den Ort offen lässt und ich noch nie in Tunesien war. Egal.

Tatsächlich geht es hauptsächlich, um einen Mann, der sein Gedächntnis verloren hat. Der verfolgt wird. Und erpresst. Aber nicht weiß warum. Und schon gar, was er dagegen tun soll. Oder welche Rolle diese Frau da an seiner Seite spielt. Auf der Suche nach sich selbst irrt er immer wieder mal durch die Wüste, in unterirdische Tunnelanlagen, in eine Hippy-Kommune in einer Oase. Und …. dennoch. Aber den Rest muss man schon selbst lesen (zum Beispiel an einem Strand. Denn durch dieses Buch rieselt dermaßen viel des titelgebenden Sandes, dass es eine Freude ist).

Nur soviel: Das Buch macht so großen Lesespaß, dass man gleich mehr von dem Autor will. atschick.jpgUnd so landete „tschick“ dann doch noch auf meinem Nachttisch. Zum Glück. Denn dieses Buch, das den Ausbruch von zwei 14-Jährigen per geklautem Auto von Berlin quer durch Ostdeutschland beschreibt, hat nur einen Makel: es ist mit seinen 250 Seiten viel zu dünn. Und nach einer Nacht ausgelesen.

Wie gut, dass Herrndorf bereits vor zehn Jahren seinen Erstlingsroman vorgelegt hat, der aufgrund des Erfolgs von „tschick“ bei rororo wieder neu aufgelegt wurde. „In Plüschgewittern“ hatte mich jetzt in den Sommerurlaub begleitet. Und beim Lesen gleich wieder zurückgeführt in das gute alte verrückte Berlin-Mitte kurz nach der Jahrtausendwende.

9783499258831.jpgEs geht um Schutheiss-Kneipen, die plötzlich total in sind, um Möbelgschäfte für Leute, die ironisch wohnen, Absturzpartys auf Altbaudächern und – na klar – um  diese ganze Unmöglichkeit der Liebe. Alles wunderbar auf den Punkt gebracht. Lesen!

Leider hat man als Herrndorf-Leser in den letzten Monaten mehr über den Autor erfahren müssen, als einem lieb sein kann. Dazu gehört natürlich nicht, dass er für „Sand“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Sondern dass Herrndorf einen Tumor im Kopf hat – was ganz nebenbei auf das Thema seines bisher letzten, nun ausgezeichneten Roman ein ganz anderes Licht wirft.

Man darf sich freuen, dass Herrndorf in seinem Blog schonungslos über seinen Alltag schreibt. Denn das ist zeitgenössische Literatur. Aber darf man sich wirklich freuen?

One response to “Sand, Tschick, Plüschgewitter: Herrndorf rückwärts”

  1. […] Das Traurigste an diesem Roman ist, dass man weiß, das nichts mehr kommen wird von diesem Autor. Dass man alles schon gelesen hat. Und dass man allenfall nochmal von vorn beginnen kann. Mit Tschick zum Beispiel. Und dann Sand. Und Plüschgewitter, unbedingt. […]

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