grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Neuer Roman, letzte Worte von Wolfgang Herrndorf

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert“. (erste Seite, erster Satz)

„Die Blumen sind okay und können nichts dafür, wer sie gut findet.“ (zweite Seite)

„Ich brauche keine Socken, wenn ich keine Schuhe hab.“ (dritte Seite).

Genauso könnte man das machen. Wie in einer Art Liveticker, parallel beim Lesen des neuen Romans „BILDER deiner großen LIEBE“ von Wolfgang Herrndorf. Denn sie werden einem nur so um die Ohren gehauen, diese Sätze, die man anstreichen, notieren, auf T-Shirts drucken möchte, während Isa, die jugendliche Hauptprotagonistin durch die Gegend wandert. Sätze, Seite für Seite, die man Tickern möchte, rausschreiben, bis zum Schluss.

Aber dann würde man es machen wie Kurt Scheel, der in seiner ansonsten sehr wunderbaren Rezension in der taz, plötzlich den letzten Satz des Buches in voller Länge zitiert. Immerhin warnt Scheel seine Leser vorab, dass jetzt der letzte Satz kommt, so dass man ihn überpringen kann. Aber sowas macht man doch nicht, man nimmt doch den Lesern nicht das Ende vorweg.

Das kommt eh viel zu früh. Denn er ist ein kurzes Vergnügen, dieser Roman, keine 130 Seiten – aber lange erwartet, wohl von allen, die Herrndorfs beeindruckendes Tagebuch „Arbeit und Struktur“ als Buch oder als Blog gelesen haben. Darin hatte Herrndorf, der unter einem Hirntumor litt, mehrfach angedeutet, dass er nach der Fertigstellung seiner herausragenden Romane Tschick und Sand noch an einem Projekt namens „Isa“ gearbeitet hat, einer Art Forsetzung oder Ergänzung zu Tschick. Doch es war bis zum Ende, bis zu seinem Tod vor einem Jahr offen geblieben, ob da noch etwas Veröffentlichbares bei raus gekommen ist.

Die Antwort gibt es seit heute in den Buchläden. „BILDER deiner großen LIEBE“, ein wie es im Untertitel heißt „unvollendeter Roman“. Eine hier und da holpernde, widersprüchliche Story. Aber das macht nichts, im Gegenteil. Die aus der Perspektive eines Mädchen, das aus einer psychatrischen Anstalt entschlüpft ist und dann am ihrem Weg unter anderem einen Binnenschiffer, einen taubstummen Jungen und schließlich die beiden Jungs aus Tschick trifft, erzählte Geschichte ist wunderbar mitreißend, lustig, erhellend, traurig, bedrückend – vor allem aber ein Fest der Sprache, mit der Herrndorf immer wieder gelingt, Menschen., Stimmung, Orte, ja selbst ganze Länder aufs Präzisieste in wenige Worte zu meißeln: „Ein Bauernhof, Wiesen, eine drehbare Litfasssäule, ein Fahrradständer. Deutschland“.  (Seite 78)

Das Traurigste an diesem Roman ist, dass man weiß, das nichts mehr kommen wird von diesem Autor. Dass man alles schon gelesen hat. Und dass man allenfall nochmal von vorn beginnen kann. Mit Tschick zum Beispiel. Und dann Sand. Und die Plüschgewitter, unbedingt.

„Ja, das war’s“. Er legt den Kopf in den Nacken und sieht hoch.
„Nein.“
„Doch“. 
(Seite 51)

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