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Yad Vashem: der Holocaust und die Suche nach Worten

Es fehlen die Worte. Mir fehlen die Worte. Mir geht die Sprache aus. Erst merke ich das in den Beinen, tatsächlich, die wollen nicht mehr voran. Nicht weiter. Die Augen schützen vor noch mehr von diesen Geschichten. Es ist unerträglich. Es ist einfach viel zu viel zu viel. So wie in Wirklichkeit.
Wir sind in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. In Israel. Ja, wahrscheinlich der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte weltweit. Es ist nicht auszuhalten. Es ist gut so. 

Die Besucher werden durch einen langgestreckten, dreieckige Museumsbau aus Beton geführt. An der einen Gibelwand, am Anfang, flimmern Bilder vom jüdischen Leben. Musik, Wissenschaft, Handwerk. Bilder vom jüdischen Leben davor. Am anderen Ende erahnt man eine hell leuchtende Glaswand. Der Weg dahin ist weit.

Denn man muss immer wieder nach rechts und nach links, in die eigentlichen Ausstellungsräume. Über die Anfänge des Nationalsozialismus, die Machtübernahme in Deutschland, die ersten staatlich organisierten, antisemitischen Ausschreitungen schon 1933, Bücherverbrennung. Dinge die man weiß. Im Prinzip schon mal gehört hat. Alles. Aber so? 

Es folgen Geschichten über erste, frühe Fluchten, die vergebliche Fahrt von über 800 Juden per Schiff nach Havanna, die dann dort nicht von Bord durften trotz Visa, die auch von den USA nicht an Land gelassen werden und zurückfahren müssen nach Hamburg, die erst im letzten Moment die Genehmigung bekommen in Belgien zu landen und dann verteilt werden. Einige wenige nach England, die Rettung auf Dauer. Viele die nach Frankreich, Belgien oder Holland kamen, kamen später ums Leben, als die Nazis vorrückten und sie ermordeten. 

Alles wird erzählt mit Dokumenten, Bildern, Fundstücken und immer wieder mit Augenzeugenberichten auf Video. 

Zum Beispiel aus den Ghettos aus Warschau, aus Lodz. Geschichten von unendlicher Unmenschlichkeit, von einem Grauen, das sich als das schlimmst denkbare zeigt, wie Überlebende erzählen, das aber immer erst doch nur der Anfang war. 

Und Geschichten vom Widerstand. Eine wenigstens, die ich gefunden, aufgesogen habe. Von Juden, die sich in Lodz nicht wie Schafe auf die Schlachtbank führen lassen wollten, sondern kämpften bis zuletzt. Das Zeichen, erzählt die Frau des Anführers, sei ein Bombenanschlag auf ein Restaurant gewesen, in dem sich die Nazi-Offiziere trafen. An Weihnachten. Da, erzählt die Frau mit unübersehbarer Genugtuung, seien schon zahlreiche Nazis ums Leben gekommen, später habe ihr Mann zusammen mit einem Mitkämpfer bis zur vorletzten Kugel Deutsche erledigt. Mit der letzten hätten sie sich dann selbst getötet, um nicht von Nazis umgebracht zu werden. Ist Töten die einzige Antwort auf Töten? 

Oder ist es der unbändige Glauben, von dem ein anderer Überlebender erzählt, an den sich einige Juden bis zuletzt hielten, der ihnen die Angst nahm das Leben zu verlieren – mehr aber auch nicht? 


Dann folgen die Transporte in die Vernichtungslager. Ich schalte ab, aus Selbstschutz, versuche zügiger durch die Räume zu kommen, wissend was da noch alles kommt, kommen muss, weil es so war. Auschwitz. Treblinka. Sobibor. All diese Orte.

Bleibe an dem dreidimensionalen Modell des Vernichtungslagers Birkenau hängen, in dem weiße Figuren von einer weißen Landschaft in einen weißen Keller geführt werden, wo sie ihre weißen Körper entkleiden, um im nächsten Raum dicht an dicht mit zum Schrei verzerrten, weißen Gesichtern …, während weiter oben weiße KZ-Arbeiter die weißen Leichen in weiße Verbrennungsöfen schieben. 

Ich steige aus.

In einem der letzten Räume, nachdem Videos jubelnde Menschenmassen gezeigt haben, die den Sieg der Alliierten über Deutschland feiern, bleibe ich dann doch nochmal vor einem Video stehen. 

Es zeigt Überlebende aus Auschwitz. Die sich fragten, warum sie jetzt befreit wurden, und wozu, jetzt wo nichts mehr übrig war vom Leben, die erst nach ihrer Befreiung feststellen, das die letzte Hoffnung, irgendein Familienmitglied lebend wiederzutreffen vergebens ist. 

Und dann die Bilder, wie die völlig ausgemergelten Leichen weggeschleift werden, in Gräber geworfen. Mit einem Bagger.

Ich drehe mich weg und lehne minutenlang an einer Wand. 

Am Ende des dreieckigen Schlauches, die offene Glaswand, sie bietet den Blick über die Grünen Hügel eines Teils von Jerusalem. Wer jetzt noch nicht versteht, was es mit dem gelobten Land auf sich hat, dem ist wohl nicht zu helfen. 

Ich mag nicht reden. Wie soll man all das in Sprache fassen. 

Dabei liegt es auf der Hand. Es gibt Worte dafür, mehr als genug. Es sind die Namen der Opfer, die hier zusammengetragen und archiviert werden. In Aktenordnern in einem großen runden Raum. 

Und weiter unten, noch eindrücklicher im Gedenkraum für die Kinder, in dem in fast vollständiger Dunkelheit, die nur durch wenige, kerzenartige Lampen gebrochen wird, deren Lichter sich durch Spiegel millionenfach ins Unendliche vermehren, da werden sie vorgelesen, nach und nach. Name, Alter, Ort der 1,5 Millionen während des Holocaust ermordeten Kinder. 

Ich könnte heulen und tue es auch. 

Noch weiter unten, in einer unerträglich großen Felsgendenkstelle die Namen aller 5.000 jüdischen Gemeinden, die von den Nazis zerstört wurden. Egal wo man herkommt, man findet auch seine Heimatstadt. Bochum, Berlin, Höxter, Hohenlimburg, Münster, Wesel. 


Es gibt noch mehr Wörter, um das Leid in Sprache zu fassen. Die Namen der Gerechten der Völker, also der Menschen, die unter eigener Lebensgefahr das Leben von Juden gerettet haben. 

Für jeden von ihnen, erklären ich Katharinas Bruder Jurek, wurde hier ein Baum gepflanzt. Und wieviel Milliarden Bäume gibt es dann hier?, fragt der Elfjährige. Ach, wären es doch Milliarden gewesen, die sich widersetzt hätten, dann hätte es wohl kaum 6 Millionen getötete Juden gegeben. 
Aber es waren nur ein paar hundert. 

Die Gedenkschilder stehen neben den angenehm krummen, teils verwachsenen und scheinbar ohne großes System an den Wegesrändern am Hang gepflanzten Bäumen. Dies ist kein Wald, dies ist kein Hain mit Stämmen in Reih und Glied. Dies ist ein herrlich passend unauffälliges Durcheinander. Ohne die Schilder würde man sie gar nicht als Gedenkort wahrnehmen, würde man sie übersehen. Passender geht es gar nicht. 

Im Vorbeigehen lese ich laut ein paar Namen. Und denke ein Danke dazu. 

In Deutschland, wird gerade diskutiert, ob es Pflichtbesuche in KZ’s geben soll – zur Geschichtsvermittlung. Katharina meint, es wäre gut, wenn der deutsche Staat allen jungen Erwachsenen eine Reise nach Jerusalem finanzieren würde – samt Besuch hier in Yad Vashem. Danach dürfen sie sich dann das alltägliche Leben in Jerusalem anschauen, gern auch die Strände von Tel Aviv. 

Und dann nach Worten suchen.

One response to “Yad Vashem: der Holocaust und die Suche nach Worten”

  1. […] Texte unter anderem aus und über Tel Aviv, Haifa, Akko, einem Kibbuz im Norden, Nazareth, Sfat, Jerusalem, sowie vom Golan und vom Toten […]

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