grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Surce am Sonntag

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Die Fahrt nach Surce ist die Hoelle. Zehn Stunden durch die tiefschwarze Nacht in einem Bus, der sich immerhin als „semi cama“ (Halb Bett) anpreist, in dem man aber froh sein muss, dass sich die Rueckenlehne nach einigem Widerstand tatsaechlich weit runterklappen laesst. Die ganze Fahrt habe ich das Gefuehl, der Bus holpert ueber irgendwelche Feldwege. Zum Glueck dauert die Fahrt eineinhalb Stunden weniger, als angekuendigt. Dummerweise bin ich daher auch schon um 4:30 Uhr morgens in Sucre, das heisst am etwas ausserhalb liegenden Busbahnhof. Ein dickes Buch verkuerzt mir die Zeit bis zum Sonnenaufgang.

Um 6 Uhr spricht mich im Wartesaal eine Polizistin an. In der Uniform der Touristenpolizei. Sie verteilt Stadtplaene an die hier Gestrandeten, erklaert sehr freundlich welche Taxis sicher sind und was es kostet, um in die Innenstadt zu kommen und verteilt ein Infoblatt, ueber die Sicherheit hier – und in Bolivien insgesamt. Wenn man zum Beispiel auf der Strasse versehentlich mit Farbe oder Senf oder aehnlichem bekleckert wird, solle man man das ignorieren und sich keinesfalls von den Kleckernden wieder sauber machen lassen, denn das sei nur ein Ablenkungsmanoever einer Diebesgruppe. Ich frage sie noch, ob es Zivilpolizisten gibt, die Touristen kontrollieren. Nein, sagt sie, in der Regel nicht.

Das sichere Taxi bringt mich schnell nach hause – denn ich wohne hier in Berlin, also im Berlin, genauer gesagt in einem Hostal, das sich Kulturcafe Berlin nennt und das mir gestern auf einschlaegigen Seiten im Internet empfohlen wurde. Erst wollte ich es ja wegen des Namens meiden, hab es aber zum Glueck nicht getan. Denn zum einen liegt es nur zwei Bloecke von der zentralen Plaza entfernt, zum anderen hat das koloniale Gebauede gleich drei Hoefe, einer davon eher ein Garten mit Haengematten, und zum dritten bietet es die schoensten Dormitorios, die ich bisher weltweit gesehen habe. Es sind die ersten, die das Wort Einrichtung tatsaechlich verdienen, weil sie nicht nur mit Etagenbetten vollgestellt sind. Dazu Baeder, die auch ein gutes Hotel schmuecken wuerden.

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Die Stadt selbst ist – relajado. Man sitzt, so wie ich, auf der Plaza und liest Zeitung. Ein Fotograf knipst die Familien am Loewendenkmal in der Mitte und verkauft die Bilder mittels eines mobilen Druckes, den er in einer Umhaengetasche traegt. Ein Mann lauscht im Radio dem Live-Kommentator eines Fussballspiels. Eine junge Spaniern mit einem wunderbaren Laecheln verkauft bunte Armbaender. Ein Junge will mir die Schuhe puzten. Eine Taube scheisst mir aufs Hemd. Am Strassenrand ein blinder Saxophonist. In der Markthalle gibt es unglaublich leckere Saltenos (was unsereins gemeinhin fuer Empanadas halten wuerde) und Ziegenkaese und Papayamilchshake. Hier und da hupt freundlich ein Taxi. Kinder fuettern Tauben.

Mag sein, dass es am Sonntag liegt und morgen alles anders ist. Aber alles kann gar nicht anders sein. Denn mindestens die Architektur der als Weltkulturerbe eingestuften Innenstadt kann sich ja bis morgen nicht aendern. Und das bedeutet: auch morgen wird hier kein Haus an den wellenartig auf- und abschwingenden Gassen mehr als zwei Stockwerke haben. Das ganze wirkt wie ein grosses Dorf, dabei ist Sucre immernoch die offizielle Hauptstadt des Landes, auch wenn die Regierung seit ueber 100 Jahren in La Paz sitzt.

Ein paar Bloecke vom Hostal entfernt, gibt es laut Stadtplan ein Viertel, das „Periodista“ („Journalist“) heisst. Ich denke, da muss ich auch mal vorbeischauen.

Morgen, ja vielleicht morgen.

3 Responses to “Surce am Sonntag”

  1. Moin,
    heute Nacht habe ich doch tatsächlich davon geträumt, mit Trufi, Bus und „sicherem“ Taxi durch den Regenwald und kleine Dörfer mit auf der Straße spielenden Kindern und vor ihren Häusern sitzenden, älteren Bewohnern zu fahren. 🙂

  2. […] Lieblingsstadt. Die Innenstadt der offiziellen Hauptstadt Boliviens, in der es bis heute keine Häuser mit mehr […]

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