grimo auf reisen

die welt liegt uns zu füßen

Villa Tunari – Ameisen, Schaukeln und Anwaelte

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Wanderer kommst du nach Tunari, dann geh ins Hostel Mirador. Und nirgendwo anders hin. Denn dieses Hostel ist einzigartig. Nicht wegen der Zimmer. Es gibt wie ueberall Doppelzimmer oder Doppelstockbetten in Dormitorios. Auch nicht wegen des kleines Pools. Den haben hier unten im heissen Regenwaldgebiet auch alle anderen im Angebot. Aber das Mirador hat diese ueberdachte Terasse. Und die Terasse hat diesen Blick. Den wunderbaren Ausblick auf das breit geschwungene und Kies gefuellte Tal des Rio San Martin, an dem das Staedtchen liegt. Und auf beiden Ufern steht tief gruen der Wald.  Und am Horizont die letzten Auslaeufer der Anden, darueber die tiefg haengenden Wolken.

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Genau so soll es sein. Ist es aber tatsaechlich nur im Mirador. Alle anderen Hostels liegen entweder so wie auch fast alle Restaurants und Laeden an der viel und laut vor allem von dicken LKW befahrenen Carretera von Cochabamba nach Santa Cruz. Oder auf der anderen Seite dieser Landstrasse. Da ist es immerhin ertraeglich. Aber nur so lange man gar nicht weiss, dass es an diesem einen Ort am Ende einer unauffaelligen Seitenstrasse diese Terrasse gibt, auf der man den ganzen Tag sitzen bleiben moechte.

Ueberrascht es jetzt noch jemanden, dass ich nach der ersten Nacht hier im Ort umgezogen bin? Etwas, was ich sonst nie mache?

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Villa Turani ist, man ahnt es schon, kein schoener Ort. Laut, staubig, heiss. Aber die Lage!  Schon die Fahrt von Cochabamba herunter ist ein Abenteuer. Denn erstmal geht es noch rauf. Von 2.600 auf rund 4.000 Meter. Und dann binnen etwa vier Stunden runter bis auf nur noch 300 Meter ueber dem Meer. Ich kann mich nicht erinnern, dass es schon mal in so kurzer Zeit so bergab ging mit mir. Am Strassenrand werden aus kniehohen Buescheln erst vereinzelte Baeumchen, dann sieht man stets groesser und dichter stehende Pflanzen, bis schliesslich selbst die unglaublichen Berge hinter den Wipfeln verschwinden.  Der Wald wird gruener, dichter, rauschender, schlingender, feuchter, dunkler, blaettriger, sich selbst ueberwachsender, tropischer, tiefer, hoeher. Und dann ist der Bus auch schon da in Villa Turani. Und man steht klebrig schwitzend am Strassenrand. Ein freundliches Schild weist handgemalt zur Touristeninfo.

Dann eben Piranha

Abends muss man mal was essen. Zahlreiche Restaurants reihen sich an der Carretara entlang. Vor der Terrasse haben sie alle einen Grill aufgebaut, es riecht gut. Der Reisefuehrer empfiehlt: Fisch, frisch aus dem Fluss! Also waehle ich das Restaurant, das sich palacio del pescado (Fischpalast) nennt. Die junge, muerrische Kellnerin sagt, es gibt nur noch Pacu. Dann nehme ich eben Pacu.  Auf dem Tisch entpuppt sich der Fisch als ausgewachsener Piranha, der fast  den ganzen Teller fuellt. Zumindest duerfte er sehr nah verwandt sein mit dem Fleisch fressenden Gruselfischh. Diesem steinharten Gebiss im Maul moechte man jedenfalls nicht im Fluss begegnen. Das Fleisch ist ueberaschend zart, zumindest in der unteren Haelfte. Die obere ist bissfester. So oder so ist das ganze Tier sehr lecker. Aber es wert sich heftig mit Graeten. Dazu frittierte Kochbananen. Lecker.

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Die Oeko-Ameise

Am Morgen fahre ich mit dem Trufi, dem Kollektivtaxi nach La Hormiga, eine Oekostation am Rand des Regenwalds. Sie bietet Dschungel fuer Anfaenger. Oder anders gesagt: all die Tiere und Pflanzen in konzentrierter Form, die man sonst bei einem Regenwaldbesuch tagelang suchen muss.  Denn hier werden verletzte Tiere wieder aufgepaeppelt, die entweder irgendwo im Wald gefunden oder als Haustiere missbraucht wurden. Es gibt junge Kaimane, die man auf die Hand nehmen darf, Schildkroeten, Wildschweine, einen schwarzen Affen, der eigentlich die ganze Zeit auf den Schultern oder eher noch auf dem Kopf unseres Fuehrers sitzt.

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Der heisst Jolando und erklaert alles sehr anschaulich. Fuer die ganze Familie halt,denn die zieht hier mit ihm durch den Wald. Und ein weitgereister Tourist darf sich auch anschliessen. Unter anderem besichtigen wir eine legale Koka-Plantage. Die ist gena u 1.600 Quadratmeter gross, so viel wird hier jeder Familie zugestanden. Die Blaetter werden vier mal pro Jahr abgeerntet und sind frisch wirkungslos. Sie muessen erst ein paar Stunden in der Sonne getrocknet werden. Dafuer werden sie auf grosse blaue Plastikplanen gelegt, wie man hier immer wieder am Strassenrand sehen kann.  15o Kilogrammm Jahresernte ergibt so ein Feld.  Zum kauen oder fuer den Matetee. Wieviel Kokain man daraus machen koennte? Allenfalls ein paar Gramm. Kein Wunder, dass hier viele sich nicht an die vorgegebene  Feldgroesse halten. Auf dem Weg in der Wald wird jedes Auto von der Drogenpolizei geprueft. Schon gestern  auf der Fahrt von Cochabamba die Berge runter wurde der ganze Bus an einem festen Kontrollpunkt untersucht.

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Zurueck zur Oekostation: die heisst La Hormiga, die Ameise, weil es hier jede Menge, auch ungenehme Arten davon gibt, wie Jolando warnt. Zum Beispiel die zwei bis drei Zentimeter langen schwarzen. Wird man von denen gebissen, sagt Jolando, ist der Tag gelaufen. An bewoelkten Tagen wie heute, sitzen sie gern auf den Aesten. Ich ziehe mit erstmal meine Regenjacke ueber die nackten Arme. Dann gibt es die Feuerameise, die wie ihr Name schon sagt, extrem brennende Bisse auf der Haut hinterlaesst. Fieserweise sitzt sie nicht nur gern auf den Staengeln der schoensten Blueten, die man gern mal anfasst, um daran zu riechen, sondern sie ist auch noch winzig klein, so dass man sie fuer harmlos haelt.

Auch ueber Planzen erzaehlt Jolano viel: es gibt Baeume, deren Wurzeln bis zu hundert Meter vom Stamm wegreichen. Andere koennen sich dank ihrer hohen Luftwurzeln sogar bewegen, Wenn ihnen ihr derzeitiger Standort, zum Beispiel wegen eines schattenwerfenden Nachbarbaumes,  nicht mehr passt, bilden sie neue Wurzeln in der Richtung, in die sie wollen. Sehr schnell ist die Bewegung  allerdings nicht. Fuer einen Meter brauchen sie etwa drei Jahre.

Der verrueckte Tourist

Auf dem Rueckweg – es nimmt mich eine Familie in ihrem Vierradantriebpickup mit, sie ist extrem freundlich und kommt dementsprechend aus Cochabamba – steige ich nochmal aus, um La Jungla zu besuchen. Da, so hiess es, koenne man sich im Wald erholen. Von den Bildern her hatte ich erwartet, dass man ueber Leitern und Holzwege in die Baumkronen klettern koennte. So aehnlich ist es dann auch, aber eben nur so aehnlich. Man laueft erst ueber ein paar Holzbruecken durch die Baeume. Die Bruecken sind mit Bananenstauden  geschmueckt. Schon ein bisschen affig, dieser Schmuck, denkt man sich gerade, da erklaert mir mein junger Guia, dass die dort tatsaechlich fuer die Affen haengen. Die kaemen meist aber erst gegen  zwei Uhr nachmittags. Es sind kleine, gelbliche Aeffchen mit langen Schwaenzen, wie ich spaeter sehen werde.

Das eigentliche Vergnuegen hier besteht aber darin, dass man sich in ein Geschirr haengt und dann an einem Drahtseil durch den Wald schaukelt. Bei ersten Mal von einer drei Meter hohen Rampe.

Dann von einer vier Meter hohen.

Dann von einer acht Meter hohen.

Dann von einer 14 Meter hohen. Aber die habe ich dann ausgelassen. Ich hatte genug gekreischt. Und vor allem waren mir die etwas wackeligen Holztuerme, die man an einer fast senkrechten Leiter hochklettern musste, nicht ganz geheuer. Das Fliegen durch den Wald allerdings ist gigantisch. Ich hoffe, ich habe die Affen in der Nachbarschaft mit meinem Gebruell nicht allzusehr gestoert.

la junglaMein Guia aber sagt, da gebe es noch einen Turm zum Runterschaukeln. Er ist 18 Meter hoch, mit Betonsockel sogar 20 Meter! Und er ist aus Stahl, also nicht ganz so wackelig. Und man klettert innen hoch, faellt also nicht som leicht runter. Ich zoegere. Einmal im Leben!, sagt mein junger Freund. Einmal im Leben!, denke ich und kletter hoch. Er legt mir ein Extragrschirr an, aehnlich  wie beim Fallschirmspringen. Das wird an die Holzschaukel eingehaengt. Dann geht es wie immer: erst der rechte Arm durch die Schlaufe, dann der Kopf, dann der linke Arm. Dann mit dem Po auf das Brett setzen. Jetzt hier rechts und links am Metall festhalten, sagt mein Guia, bevor er den Sicherheitsbalken vor mir rauszieht.  Dann die Haende vom Metall nehmen und die Schaukelbaender fassen.   Und dann, ich zaehle bis drei. Uno. Dos. Tres.

Er laesst  mich los.

Ich stuerze.

Fliege.

Es ist der Wahnsinn.

Der wahnsinnge Tourist. Er bruellt den Schrei seines Lebens.

Von unten ruft mir eine Frau etwas zu: Morgen, sagt sie, schicke ich dir die Bilder pér facebook. Sie war als Teil einer Besuchergruppe unterwegs und hatte – wo sie schon mal dabei war – auch mich schon  am 8-Meter-Turm fotografiert. Ich hatte ihr da meinen Namen gegeben. Ich rufe „gracias!“ und schaukel noch ein wenig aus. Hin und her. Hin und her. Hin und her und hin und her.

Als Abschlussbonbon fuehrt mich mein Guia an den Strand. 200 Meter durch den Wald, am Ufer des knieftiefen, glasklaren  und lauwarmen Rio Chiripi ist tatsaechlich ein Sandstrand. Genau so etwas brauche ich jetzt. Um runter zu kommen. Nicht von irgendeinem Turm. Sondern von meinem Adrenalinlevel. Ich nehme ein erffrischendes Bad und lege mich dann erstmal eine Stunde in den Sand.

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Der Anwalt

Eins faellt noch auf, wenn man mit offenen Augen durch Villa Tunari laeuft. An jeder Ecke gibt es ein Anwaltsbuero. Manchmal auch zwei oder drei. Auf dem Weg von der Carretera zur zwei Blocks entfernt liegenden  Plaza sieht man alleine fuenf. Geht man die Parallelstrasse zurueck sind es nochmal fuenf. Eine unglaubliche Zahl fuer ein so kleines Staedtchen mit kaum. Ich bin neugierig und frage schliesslich den naechtsbesten, der in seinem zur Strasse offenen Buero hinter seinem Schreibtisch sitzt. Er heisst Rene Claude und nimmt sich tatsaechlich Zeit fuer mich. Erstmal, erklaert er, muesse ich sehen, dass Villa Tunari ein riesiges Einzugsgebiet hier in der Regenwald zone habe. Die Leute kaemen mit ihren Probleme aus weitabgelegegen Doefern hier her. Bei vielen Faellen handele es sich Familienangelegenheiten, genauer gesagt: Gewalt in der Familie, meist sind es die Vaeter, die ihren Kindern Gewalt antun. Aber es gebe das auch umgekehrt. Ein Problem, das damit zusammenhaenge, sei der verbreitete Alkoholismus hier.

Der groesste Anteil seiner Arbeit abersei die Abwicklung von Immobiliengeschaeften. Davon gebe es allein bei ihm 10 am Tag! Denn im Amazonasgebiet gebe es ein grosses Bevoelkerungswachstum durch Zuwanderung aus den Bergen.  Und die Neusiedler wuerden sich dann eben Grunstuecke kaufen, meistens mindestens zwei. Ein kleines im Dorf, um dort ein Haus zu bauen. Und ein groesseres ausserhalb, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Ja, sagt er, auch Koka-Anbau. Und ja, das fuehrt dann schell zu Problemen, bei denen man einen Anwalt braucht.

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Jolando der Typ von der Oekostation, hatte heute morgen erklaert, die Polizei fahnde mit Hilfe von Sattelitenbildern nach illegalen Plantagen im Wald. Und im Radio des Trufiis, mit dem ich heute morgen in den Wald geduest bin, war die Hauptmeldung: juntge Mann mit 10 Kilo Kokain festgenommen. Ihm drohen nun  acht Jahre Haft.

5 Responses to “Villa Tunari – Ameisen, Schaukeln und Anwaelte”

  1. Hach, was würde ich jetzt für einen solchen Ausblick geben:

    Na, dann wünsche ich Dir noch einen schönen Abend und eine gute Nacht 🙂

  2. herr grimo sagt:

    Hey, wo hast du das denn so schnell gefunden? Das sind zwar nicht meine Beine, aber genau so habe ich das heute nachmittag auch gesessen! Toll!

  3. Die „Affen“ fliegen durch den Wald …

    Wow, man kann die „Schreie“ förmlich bis hierhin hören. Das stelle ich mir echt irre vor. Wahnsinn!

  4. […] – Villa Tunari: Die Fahrt nach Villa Tunari führt erstmal auf einen rund 4.000 Meter hohen Pass bevor es dann in langen Serpentinen runter auf […]

  5. […] Kirchen, u.a. das alte Kloster der Karemilterinnen. Lädt zu Ausflügen in die nähere und weitere […]

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